Berufsbezogenes Coaching


Nach der obligaten kurzen Vorstellungsrunde ging es rasch mit dem Referat von Frau Kamphusmann zur Sache. Sie hatte Herrn K. als Koreferenten mitgebracht. Sie stellte die allgemeinen Methoden des berufsbezogenen Coaching dar, mit besonderer Würdigung der Besonderheiten bei AD(H)S.

Dazu wurden exemplarisch an der Arbeit mit Herrn K. die Besonderheiten bei AD(H)S aufgezeigt. Er schilderte dazu in humoriger Weise sein Erleben des Prozesses. Die zunehmend aktiven Zuhörer, in der Mehrzahl – notgedrungen - in unterschiedlichen Coachingmethoden erfahren, durften erleben, dass Schmunzeln die ideale Basis für Mitarbeit und Konzentration ist.

 

Referentin

Frau Kamphusmann leitet gemeinsam mit Kai Haas die Beratungsagentur FagusConsult. Neben Personalberatung und Veranstaltung von Seminaren ist das berufsbezogene Coaching der wichtigste Arbeitsschwerpunkt. Mehr und mehr betreut sie dabei Menschen mit AD(H)S.

In der münsteraner Erwachsenenselbsthilfegruppe haben wir mehrfach erlebt, dass durch ein Zusammenwirken von Frau Kamphusmann mit ihrer spezialisierten Dienstleistung, ehrenamtlichem Coaching aus unserer Gruppe und geeigneter Medikation so genannte Versager nach langen Jahren des Scheiterns begannen Karriere zu machen.

In einzelnen Fällen hat das gewirkt als ob es sich um ein modernes Märchen handele. Wie wenig das aber mit Filmen a la Hollywood zu tun hat, siehe Protokoll.

 

Motto des Vortrages

Das Motto des Vortrages hätte zunächst sein können: „Wer die Wahl hat, hat die Qual.“ Dann klang es wie: „Finde den Sinn in der Biographie und die Wahl ergibt sich.“ Zuletzt hörte es sich so an: „Ist die Wahl getroffen, eröffnen sich Kräfte und Möglichkeiten.“ Warum diese Vorrede mit dem jeweiligen Motto der unterschiedlichen Stationen des Coachingprozesses?

Nun, es wird daran deutlich, dass die Funktion des Coaches ist, handfeste Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten. Coaching kann Struktur und handwerkliche Hilfestellung entlang der Bedürfnisse und Stärken des Klienten geben.

Wollen und umsetzen muss dieserselber. Wie fast zauberhaft einfach das dann gelingen kann, darüber berichtete Herr K., dessen Geschichte – der Übersichtlichkeit halber erst am Ende - kurz erzählt wird. Deshalb, so wurde anschließend im Gespräch deutlich, arbeitet Frau Kamphusmann selbständig. Mit Klienten umzugehen, denen das Wollen verordnet wurde, war zu unerfreulich.

 

Gesprächsführung

Eine wichtige Hilfe ist neben dem gleich aufgeführten schrittweisen Ablauf des Coachingverfahrens die Technik der lösungsorientierten Gesprächsführung, wie beispielsweise von S. de Shrazer und I.K. Berg vertreten. Statt sich bei Hindernissen weiter in die Tiefe einzugraben wird um sie herum nach vorne gestrebt. Immer wieder ergibt sich die Lösung allein durch den Perspektivenwechsel.

Besonders bei Menschen mit AD(H)S erweist sich das als wertvoll. Sie mauern sich rasch in ihren Gedankenkreisen ein, ohne Prioritäten oder Möglichkeiten erkennen zu können. Wenn sie eine andere Sichtweise gewinnen wollen, benötigen sie das Gespräch mit einem Menschen, der darin erfahrenen ist, die sich auftürmende Gedankenpyramide zu umgehen.

Das muss er tun, ohne erneut zu sich steigernder Erregung Anlass zu geben. Schon dadurch allein kann häufig eine der so typischen wie häufigen „kleinen AD(H)S Krisen“ binnen Minuten gelöst werden, bevor sie sich zur Katastrophe hochschaukelt. Frau Putziger stellte heraus, dass hier die besondere Stärke des alltäglichen, meistens ehrenamtlichen Coachings liegt - unser Thema beim nächsten Treffen.

 

Zu Beginn des Coachingprozesses ist es wichtig ohne vorgefasste Meinung, ohne rasche Ratschläge, fast absichtslos miteinander zu reden. Dabei kann man die versteckten aber umso wichtigeren Informationen bekommen, mit deren Hilfe sich die Weichen in die richtige Richtung stellen lassen.
Dazu ist neben einem entspannten räumlichen Umfeld ein „guter Draht“ zwischen Klient und Coach die Vorraussetzung. Wie im Beruf gilt auch hier: Gegen seine Natur mag der Klient wollen aber auf Dauer schwerlich können.

 

Ausgangssituaton

Die meisten Klienten nehmen Kontakt mit dem Coach in ihnen ausweglos erscheinenden Situationen auf. Sackgassen in der beruflichen Karriere, drohendes Scheitern einer Ausbildung, Mobbingdruck, gesundheitliche Probleme oder andere Umstände zwingen zur Neuorientierung. Sie gehen der Kontaktaufnahme voraus. Wohl kein Klient ist über seine Situation froh gestimmt, locker und erholt.

 

Diagnose der Möglichkeiten

Der erste Schritt des Coachings ist herauszufinden, ob der Klient noch genug Kraft hat, es auch nur zu beginnen, oder ob erst die Erholung abgewartet werden muss. In einen Urlaub schicken oder einen Kontakt zu einem geeigneten medizinischen Fachmann herstellen, kann ein wichtiger vorbereitender Schritt zur eigentlichen Arbeit sein.

Dann wird Schritt für Schritt abgearbeitet, was in der Vergangenheit gut gelaufen ist, mit Blick darauf, wobei sich der Klient wohl gefühlt hat. Den Fähigkeiten, die nie umgesetzt wurden, wird dabei besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Diese sind ja oft aus dem Blick geraten. Immer wieder lautet die Frage: „Was war gut.“Die Diagnose der Fähigkeiten geschieht sehr nah an der Persönlichkeit unter besonderem Blick auf die Geschichte, bis hin in die Generation der Eltern und Großeltern. Familientraditionen haben einen wichtigen Einfluss. Nach und nach baut sich ein „Baum der Möglichkeiten“ auf.

Besonders bei AD(H)S ist es wichtig diesen auch bildlich mit Stift, Zetteln und viel Platz aufzubauen und nie im gesprochenen Wort zu verharren. Die gesamte Diagnose erfolgt entlang der Stärken und Träume (was auch Stärken sind). Immer wieder kommt die Frage: “Wann, wobei und wo hast du dich wohl gefühlt, unter welchen Umständen hast du gut leben und arbeiten können?“ Mit den Schwächen wird sich wohl kaum einer erfolgreich bewerben.

Wenn bei dieser Suche nach den Möglichkeiten aus der Qual der Wahl eine Lust der Wahl wird, war sie erfolgreich. Die Freude an den eigenen Fähigkeiten und Stärken ist die Basis der weiteren Arbeit und gleichzeitig das wirksamste Gegengift zur vorherigen Lähmung.

 

Bausteine zur Suche nach Möglichkeiten

a) erworbene Fähigkeiten

Fachkompetenz, womit im Wesentlichen das angehäufte Spezialwissen gemeint ist. Naturgemäß ist das der Punkt, an dem die meisten Klienten trotz des Scheiterns zunächst die Möglichkeiten der weiteren Karriere sehen. Es muss nicht nur die Kompetenz im bisherigen Brotberuf sein, es kann auch in anderen Bereichen sehr viel Wissen vorhanden sein. Schätze, die gehoben werden wollen.

Methodenkompetenz meint die Fähigkeit mit dem erlernten Arbeitsmethoden auch in anderen Berufsfeldern zu Lösungen kommen zu können. Herr K. beispielsweise war trotz des an der Magisterarbeit gescheiterten Studiums sehr wohl zur akademischen Arbeit imstande.

Zudem war er durch seine Studentenjobs in der Werbung sowie einer Ausbildung im Improvisationstheater ideal geeignet anderen Menschen etwas nahe zu bringen. Dabei ist es gleichgültig ob es sich um ein zu Verkaufsprodukt oder einen Unterrichtsinhalt handelt. Nach einer Problemanalyse Menschen charmant mit dem Ergebnis vertraut machen zu können, ist eine Stärke, die in vielen Berufen eine Schlüsselqualifikation ist.

Soziale Kompetenz ist in der einen oder anderen Form in jedem Beruf notwendig. Die Wirkung, die Ausstrahlung auf andere Menschen ist (besonders bei AD(H)S) eine entscheidende Fähigkeit. Leider sind es auch wichtige Fragen, ob jemand geeignet ist steile Hierarchien oder hohen Gruppendruck auszuhalten.

Berufliche Sozialisation meint, wann, wo, mit wem und wie bisher im Beruf gearbeitet wurde. Hier liegt einer der „Knackpunkte“. Je weniger Positives da zu finden ist, umso schwieriger wird der Coachingprozess. Aus den bisherigen Erfahrungen im angestammten Beruf kann dann auf die (meist weniger) günstigen Aussichten in diesem Umfeld geschlossen werden.

 

b) Gesundheitliche Möglichkeiten

Kraft von Körper, Seele und Geist sind - wie schon oben angedeutet - ein entscheidender Faktor. Frau Kamphusmann hat bemerkt, dass es besonders bei AD(H)Slern zu starkem Kräfteverlust kommt. Den Zuhörern aus der Selbsthilfegruppe ist das nur zu verständlich. Müssen diese Leute doch Tag für Tag wegen des ausufernden Gefühlslebens in äußerster Selbstbeherrschung verbringen.

Die sperrangelweite Offenheit für Reize, die überhand nehmende Schusseligkeit und in aller Regel noch einige Teilleistungsstörungen machen auch banale Tätigkeiten zum Kraftakt.

Besonders wichtig ist es den Klienten dahin zu führen, dass er bemerkt, wo er seine Kräfte lässt. Die meisten sind nicht in der Lage mit ihren Kräften hauszuhalten, sondern stürzen sich blind in „das, was ich kann“.

 

Herr Jostes gibt ein Fallbeispiel, in dem ein Patient mit AD(H)S auf Edronax eingestellt wurde und die neu erworbene Bewegungsfreiheit dazu missbraucht habe sich in einer Weise zu überlasten, dass er mit einem „Erschöpfungszustand hoch zwei“ zusammengebrochen sei. Aus Kreisen der Selbsthilfegruppe wird selbiges berichtet, dort mit dauernden Gesundheitsschäden als Folge.

Er behält Patienten deshalb nach einer solchen Einstellung gerne länger in der Klinik. Das ermöglicht die Schulung des sparsamen Umgangs mit der „Energie“ und vereinfacht das notwendige Vorhalten eines Spiegels. Dabei, so meint er freimütig, handelt es sich um ein Coaching, hier als unverzichtbares Element der Therapie.Schicksalsschläge und Krankheiten werden abgefragt. Dieses Wissen macht es einfacher die noch zur Verfügung stehenden Energien abzuschätzen -einfach, aber oft vergessen.

Sport und Stressmanagement kommen ebenfalls in das Spiel, sie bestimmen entscheidend die Möglichkeiten des Klienten.

 

c) Persönliches und gesellschaftliches Umfeld

Die Familie ist ein wichtiger Faktor. Das betrifft die Herkunftsfamilie ebenso wie die aktuellen Verhältnisse. Traditionen, vorhandenes Wissen und Möglichkeiten durch helfende Angehörige sind positiv. Andererseits können die Angehörigen, etwa kleine Kinder oder zu pflegende Eltern sehr viel Kraft kosten.

Wohnung und Equipment sind ein nicht zu unterschätzender Faktor. Bei begrenzten finanziellen Mitteln in einer Fortbildung zu sein heißt allzu häufig am Küchentisch im Trubel lärmender Kinder oder mit im Hintergrund brabbelndem Fernseher lernen zu müssen.
Schreibarbeiten oder Internetrecherche ohne Computer sind heutzutage kaum möglich. Die Suche nach einem stillen Raum mit entsprechenden Möglichkeiten kann der entscheidende Schritt zum Erfolg sein.

Der Stellenmarkt gibt nur begrenzt Arbeitsmöglichkeiten her. Die entsprechenden Nischen wollen gefunden sein, wobei die Tätigkeit des Coaches auch Vermittlungstätigkeit und Bewerbungshilfe umfasst.

 

d) Bisheriges berufliches Umfeld

Was war gelungen? Was ist misslungen und warum? Entlang dieser Fragen kann herausgearbeitet werden, unter welchen Umständen der Klient sein berufliches Potenzial umsetzen kann. Positive Erfahrungen haben einen besonderen Stellenwert. Wo kann der Klient anknüpfen? Kann er etwas ausbauen? Phasen mit gesunden beruflichen Strukturen gilt es ausfindig zu machen.

Das macht nicht nur Mut, das gibt auch neue Ideen. Im Absatz „Bisheriges Umfeld“ taucht drei Mal unter leicht unterschiedlichem Blickwinkel die selbe Frage auf: „Wo fühlst du dich wohl?“ Das ist kein Zufall.
Diese Frage und die Suche nach den Stärken sind der rote Faden im gesamten Prozess. Der Coach ist da Medium, Katalysator oder wie man das auch immer nennen kann.

Keine Arbeit ist es zunächst, den Klienten an die Hand zu nehmen und ihn von einem anderen Standpunkt als bisher auf die gelaufene Karriere blicken zu lassen.

 

Leitbilder der beruflichen Entwicklung

Der Traumberuf ist als Begriff aus der Mode gekommen. Der Arbeitnehmer solle dankbar sein, wenn er irgendeine Tätigkeit ausführen dürfe. Dennoch ist der „Wunschtraum“ nicht unwichtig. Seine Realisierung setzt ungeahnte Kräfte frei.

Das ist, wenn durch die gemeinsame Arbeit von Coach und Coachee in die richtigen Bahnen gelenkt, mehr als wertvoll. Mal ehrlich, was bleibt vom Menschen über, wenn er seine Träume verliert? Vorbilder spielen dabei eine wichtige Rolle.

Auch zur Abschätzung in wie weit der Traum eine realistische Möglichkeit darstellt sind sie hilfreich.
Berufliche Entwicklungen in der Familie werden oft unterschätzt. Mindestens findet man hier viel anwendbares Wissen im Hintergrund und sehr realistische Einschätzungen von Berufsbildern.

 

Knock out Kriterien

Mobbingrisiko ist eines der wichtigsten Kriterien. Das ist paradoxerweise besonders in sozialen und Gesundheitsberufen gegeben. Da jemand, der ein berufliches Coaching in Anspruch nimmt, meistens besonders gefährdet ist, liegt hier ein besonders Augenmerk.

Speziell Menschen mit AD(H)S haben an dieser Stelle ein Problem. Sie sind wegen ihrer Schusseligkeit besonders angreifbar. Ihre oft sehr hohe Intelligenz und Problemlösefähigkeit macht sie zu Objekten des Neides und gibt damit Motivation zum Angriff. Mit der kaum steuerbaren Aggressivität, wahlweise schweren Trauer nach Attacken zeigt hier Mobbing sofort Wirkung und so sind Menschen mit AD(H)S zu allem Überfluss noch die idealen Opfer. Das alles auf dem Boden einer ohnehin erhöhten Erschöpfbarkeit macht sich sehr schnell auch gesundheitlich bemerkbar.

Der Zeitrahmen ist immer wichtig. So ist es beispielsweise kaum möglich eine Lehrstelle im Frühjahr zu bekommen. Auch kann es nötig sein, wie oben angedeutet, mit dem Beginn einer neuen Tätigkeit zu warten bis eine gesundheitliche Wiederherstellung erreicht ist. Fachleute aus der Medizin können dann unter Umständen helfen, die nötige Zeitspanne einzuschätzen.

 

Gesundheit geht vor Beruf. Dieses einfachste und wichtigste Kriterium wird oft unzureichend beachtet. Letztendlich liegt aber da die entscheidende Limitierung. Besonders Menschen mit AD(H)S haben da ein Problem. Rasch erschöpfbar aber ohne Antenne für ihren eigenen Zustand neigen sie dazu sich chronisch zu überlasten. Ein zuverlässiges Feedback ist deren einzige Rettung.

Hier sind wir wieder beim alltäglichen meist ehrenamtlichen Coaching als notwendige Voraussetzung des beruflichen Erfolges. Dafür kommen viele Personen in Frage: eine Sekretärin (wenn man es bis oben geschafft hat), Ehepartner, Eltern, eine eingeweihte Freundin, Selbsthilfegruppenmitglieder usw. Wichtig ist die Bereitschaft diese notwendige Hilfe des Spiegelvorhaltens anzunehmen, ja einzufordern.

 

Erfahrungsbericht von Herrn K.

Herr K. berichtete bei einer Veranstaltung der Selbsthilfegruppe zum Thema Berufsfindung auf Frau Kamphusmann aufmerksam geworden zu sein. Er war nach einem bis dahin erfolgreichen Studium in XXXXXX u.a., zehn Jahre lang im Versuch die Magisterarbeit zu schreiben stecken geblieben.

Die halbherzigen Versuche endlich das Studium abzuschließen blieben sämtlich stecken. Als Beschäftigung nebenbei hatte er „Produktpromotion“ gemacht bis hin zu Auftritten in einem Verkaufssender.Übungen im Improvisationstheater waren ein Zeitvertreib. Psychotherapie hatte er jeweils als angenehm empfunden, ohne auch nur einen Deut näher an sein Ziel zu kommen.

Er beschreibt, wie er mit Frau Kamphusmann zunächst fast absichtslos ein Gespräch geführt habe und wie sie nach und nach ganz locker und frei in ein Brainstorming eingestiegen sind. Immer wieder hat der Coach zusammengefasst und die Ergebnisse mit Stift und Papier anschaulich gemacht. Dann hat er den Entschluss gefasst das Examen sausen zu lassen. In diesem Moment hat er so viel neue Kraft gewonnen, das er sich augenblicklich freigeschwommen hat. Der Tipp, wo immer möglich sich nicht in Schriftform vorzustellen, sondern über Kontakte und im Gespräch war entscheidend.

 

Der Coach hatte mit ihm zusammen herausgearbeitet, dass seine wichtigste Stärke im Gespräch liegt. Anrufe in Volkshochschulen und beim Arbeitsamt führten binnen weniger Wochen zu gleich mehreren Jobs als Sprachlehrer und einem Platz in einem  von der EG geförderten Traineeprogramm in der Wirtschaft.

Sehr amüsant beschreibt er ein Praktikum, in welchem er die Organisation eines Seminars übernehmen sollte und am Ende statt dessen die Gruppe moderiert und geführt hat. Das wurde begeistert aufgenommen, trotz Vernachlässigung der vorgesehenen Aufgabe. Im Unterricht fühlt er sich wohl, gibt ihm das feste Kursprogramm doch die ihm sonst fehlende Struktur.

Die aktuellen Bedürfnisse seiner Schüler lassen ihn mit seiner gewinnenden Art und seinem ausgeprägten Improvisationstalent glänzen. Derzeitiger Stand der Dinge ist, dass Herr K. nun in vielen Lebensbereichen wieder eine Perspektive hat. Seither wirkt sein ohnehin charmanter Humor umso freundlicher.

 

Diskussion

Der Ordnung halber an das Ende gerückt, kann die Diskussion der Teilnehmer nur in kurzen Worten zusammengefasst werden. Bei der Betrachtung der derzeitigen Hilfsmöglichkeiten für Menschen mit AD(H)S nimmt das berufsbezogene Coaching einen wichtigen Platz ein. Zu beachten sind dabei, wie immer wieder lebhaft angemerkt, aber im obigen Text nur gestreift, spezifische Ansprüche von Menschen mit AD(H)S.

 

Der Coach sollte:

 

Einordnung in den größeren Zusammenhang

Die bisherigen Erfahrungen unserer Runde mit den Hilfsmöglichkeiten, wie in der Diskussion übereinstimmend berichtet wurde, sind:

Im Familienleben wie auf der Arbeit ist das alltägliche Coaching durch Bezugspersonen unabdingbar. Die meisten Eskalationen lassen sich damit vermeiden. Eine Schulung der mitwirkenden Personen bezüglich AD(H)S ist dabei sehr hilfreich.

In Krisensituationen mit Verlust der Selbstkontrolle kann eine „psychologische“ Psychotherapie hilfreich sein, häufig sogar unverzichtbar. Wichtiger als die „Schule“ des Behandlers ist dabei der „Draht“ zwischen Therapeut und Klient. Eine dauerhafte Wirkung tritt nach unserer Erfahrung nicht ein, was eine Verhaltenstherapie - entgegen gängiger Meinung - keineswegs in Frage stellt.

Mehr als bisher üblich sollte dabei der Aspekt „Erholung“ im Vordergrund stehen. In der Tat war eine Urlaubsreise unter Berücksichtigung der Bedürfnisse des AD(H)Sler’s manchmal wirkungsvoller (und billiger). An Scheidewegen der beruflichen Entwicklung hat sich berufsbezogenes Coaching durch einen mit AD(H)S erfahrenen Profi sehr bewährt.  Hier genügt die alltägliche Unterstützung nicht, ist aber eine wichtige Hilfe bei der dauerhaften Umsetzung.

Mit üblicherweise ca. einem Dutzend Doppelstunden Aufwand war dieses Verfahren zudem hochgradig effizient und das mit anhaltender Wirkung.

 

Zur medikamentösen Einstellung dient Methylphenhydat als Medikament der ersten Wahl. Als Ergänzung werden derzeit eine Reihe von Antidepressiva allein oder in Kombination verschrieben. In vielen Fällen ermöglichte erst die Medikation den erfolgreichen Beginn einer beruflichen Karriere.

Trotz der anfänglich fast immer euphorischer Berichte der Behandelten stellte sich nach unserer Erfahrung bei Erwachsenen regelmäßig ein zentrales Problem: Die neu gewonnene Bewegungsfreiheit und Leistungsfähigkeit verführt dazu die eigenen Kräfte zu überspannen.

Die Möglichkeiten zur Selbstbeurteilung und Stressresistenz werden weniger gestärkt als die kurzfristige Leistungsfähigkeit. Erschöpfungszustände mit schweren Dauerschäden drohen. In Gestalt der Depression durch Methylphenhydat ist der Effekt altbekannt und einer der Hauptgründe für eine enge ärztliche Führung.

Dieses Problem beobachten wir besonders bei unseren nicht studentischen Gruppenmitgliedern. Das Risiko wird entscheidend vom beruflichen Umfeld bestimmt.Verhaltenstherapie hat an dieser Stelle nur gering gewirkt, wohl aber unterschiedliche Coachingverfahren, bis hin zu unseren Gruppensitzungen.

 

Studienergebnisse

Bisher ist bei AD(H)S lediglich die Wirksamkeit von Psychostimulantien gesichert, durchaus im Gegensatz zur Verhaltenstherapie. Zumindest zeigt das die MTA Studie aus dem Jahr 1999. Diese Ergebnisse gelten allerdings nur für den Kinder und Jugendbereich. Obwohl die Tendenz besteht, das für Erwachsene in gleicher Weise anzunehmen sind die Verhältnisse dort problematischer.

Zum einen ist die Verträglichkeit der Medikation geringer, zum anderen stellen zumeist weniger das AD(H)S, als dessen Folgeschäden das Problem dar.Diese sind der simplen medikamentösen Behandlung kaum zugänglich.

 

Ehepaar Krause schlägt deshalb eine tiefenpsychologische Behandlung vor. Hesslinger hat in seiner Pilotstudie die Dialektisch Behaviorale Therapie nach Linehan an AD(H)S adaptiert.

Seine Ergebnisse sind ermutigend. Allerdings waren die in der Mehrzahl studentischen Probanden frisch auf Medikamente eingestellt. Das Manual beinhaltete neben der Verhaltenstherapie, Schulung und Achtsamkeitsübungen eine Vielzahl von Coachingmaßnahmen. Insbesondere wurden Selbsthilfegruppen etabliert. Letztere liefen, teils im privaten Rahmen, noch zum Evaluationszeitpunkt.

Im persönlichen Gespräch weist Hesslinger auf deren Bedeutung hin.Die Vermutung liegt nahe, dass die Ergebnisse nicht den verhaltenstherapeutischen Teil des Manuals, sondern die Kombination der Medikation mit der krankheitsspezifischen Schulung und dem Coaching abbilden.

 

Resumee

Zwei Faktoren sind nach unserer Erfahrung die wichtigsten beeinflussbaren Größen bezüglich der Notwendigkeit und des Dosisbedarfes einer Medikation sowie des langfristigen Erfolges einer Therapie:

  1. Die Wahl eines geeigneten beruflichen Umfeldes. Der Weg dahin kann durch ein professionelles Coaching geebnet werden.
  2. Alltagsbegleitendes Coaching beruflich wie privat, auf der Basis der Schulung über AD(H)S.

 

LINKS:

FagusConsult - (Berufs-)coaching in Münster

 

Protokollniederschrift W. Beerwerth 2.9.05

Arbeitsgruppe Psychotherapie der AD(H)S Erwachsenenselbsthilfegruppe Münster
Protokoll der sechsten Sitzung am 29.08.05
Thema: Berufsbezogenes Coaching
Referentin: Frau Kamphusmann M.A.

Teilnehmer:

Ralf Jostes – Leitender Psychologe, Eos Klinik
Dr. Folkert Klassen – Studiendirektor i.R., Kardinal von Galen Gymnasium, Initiative Schulprofil
Veronika Landwehr – Studiendirektorin, Kardinal von Galen Gymnasium, Initiative Schulprofil
Dr. Walter Beerwerth – AD(H)S-SHG, stellvertretende Leitung, Öffentlichkeitsarbeit
Herrmann Stegink – Leiter der AD(H)S SHG Grafschaft Bentheim
Barbara Kamphusmann – FagusConsult, Coaching
Des weiteren sind zwei Klienten von Frau Tüllmann und Frau Kamphusmann anwesend, Frau L. und Herr K.

und weitere...