Alltagsbezogenes Coaching


Spielregel

Wie in den Sitzungen zuvor hat sich eine organische Workshoparbeit ergeben. Das spiegelt sich im Protokoll insoweit wieder, als nicht zwischen Beiträgen der Referentin und der sonstigen Teilnehmer unterschieden wird. Insbesondere die „mitgebrachten“ Coachees haben sehr praxisnahe Ergänzungen eingebracht. Diese wurden immer wieder in größere Zusammenhänge gestellt.

Es war einmal mehr eine gelungenes (und lebhaftes!) Teamwork der Menschen mit AD(H)S unter Einbeziehung der anwesenden Psychologen. Workshop auf gleicher Augenhöhe ohne Ansehen von Stellung und Rang, das kommt der Idee des Coaching, wie unten beschrieben, erstaunlich nahe.

 

Referentin

Frau Tüllmann ist 61 Jahre alt und hat ein ausgesprochen bewegtes Leben hinter (ich bin mir sicher, auch vor) sich. Langweilig war es nie. Da der Lebenslauf den ersten Teil des Vortrages ausmachte, werden einige Stationen im nächsten Abschnitt genannt. In der Selbsthilfegruppe hat sie sich den Schwerpunkt: „Alltagsbegleitendes Coaching der Erwachsenen“ gewählt. Da betreibt sie experimentelle Arbeit, über deren Ergebnisse sie in der aktuellen Sitzung berichtet.

Die Qualifikation dazu hat sie nicht auf dem gewöhnlichen Weg gewonnen, sondern durch ihr bewegtes Leben mühsam erarbeitet. Denkbare Abschlüsse in Fächern wie Pädagogik, Psychologie oder Sozialarbeit werden durch Lebenserfahrung, profunde Kenntnisse über AD(H)S und in der Erwachsenenbildung mehr als Wett gemacht.

 

Der Lebensbaum

In der Vorbereitung des Vortrages hatte Frau Tüllmann ihren Lebenslauf als Baum dargestellt. Dabei stellten sich viele vermeintliche Irrungen als wichtige und unverzichtbare Äste heraus. Außerdem wurde deutlich, dass ihr an vielen Stellen die Diagnose des AD(H)S und das Wissen um die damit verbundenen Besonderheiten geholfen hätte. Die an Scheidewegen stets aufgetretenen Erschöpfungszustände wären dann milder ausgefallen.

Heute ist sie der Meinung, Coaching, wie es unsere Gruppe versucht, hätte ihr einiges erspart. Spätschäden wie Schul- und Prüfungsangst, unzureichendes Selbstwertgefühl und die Neigung zu depressiven Verstimmungen wären geringer ausgefallen. Diese kommen aus der Kindheit, sind aber fortschreitend verstärkt worden. Jenseits der Jugend haben die Folgeschäden ihr Vorwärts- kommen mehr behindert als das AD(H)S selber. Im Gegenteil, letzteres gab die Energie, die Hindernisse zu überwinden.

 

Lebenslauf

Die kleine Mechthild war das erste Kind in der Geschwisterreihe. Das hat eine Bedeutung. Die Mehrzahl unserer Gruppenmitglieder sind älteste Kinder oder Einzelkinder. Offenbar wird aus der zufällig unter Geschwistern verteilten Erbanlage AD(H)S nicht in jedem Fall die Krankheit AD(H)S. Man darf annehmen, dass dabei die Stellung in der Geschwisterreihe von Bedeutung ist. Vermutlich geben die älteren Geschwister besser als die Eltern auf jedwede  Lebensäußerung ein Echo.

Das kennen wir als „Spiegeln“ und wir kennen es  als das entscheidende Mittel im Umgang mit AD(H)Slern, gleich welchen Alters. Wer könnte das besser als Geschwister, die untereinander die guten Dinge ebenso schnell und korrekt rück melden, wie die schlechten. Frau Tüllmann wurde in die Nachkriegszeit hineingeboren. Mit einem verträumten Wesen fiel sie ihren Eltern nicht zur Last. Diese hatten ohnehin genug mit dem schieren Überleben zu tun. Lesen- und Schreibenlernen fiel ihr sehr schwer.

Obwohl Mädchen (damals gingen vorwiegend Knaben zur höheren Schule), obwohl mit Lese-Rechtschreibschwäche, wurde das Gymnasium empfohlen. Vermutlich wurden in anderen Bereichen überdurchschnittlicher Fähigkeiten gesehen. Dort ist sie in der Sexta (Klasse 5) gescheitert und das trotz eines anstrengenden Nachhilfeprogramms.

 

Legasthenie ist gegen „Drill“ weitgehend resistent, so wissen wir heute. Heute wissen wir auch, das Drill Kinder mit AD(H)S beschädigt. Was sie brauchen ist Förderung der Stärken und Kenntnisse, die Schwächen zu umgehen. Geblieben sind ihr aus dieser Zeit eine Schul- und Ballphobie. ach dem Volkschulabschluss begann sie trotz ihrer Jugend eine Tätigkeit als Hauswirtschafterin. Das geschah unter denkbar schwierigen Verhältnissen. Diese Lebensphase von einem Erschöpfungszustand beendet.

Dann nahm sie eine Lehre zur Paramentenstickerin  (Paramente sind liturgische Gewänder der katholischen Kirche) auf. Trotz Gesellenbrief hat sie nie mehr in diesem Beruf gearbeitet. Ohne jede Fremdsprachenkenntnisse ging sie in Auslandsaufenthalte als Hauswirtschafterin mit je begleitendem Unterricht. So erlernte sie die französische und englische Sprache. Dabei erlangte sie in England einen weiteren Schulabschluss.

In der französischsprachigen Schweiz verhinderte die Erschöpfung das Diplom. An der Schulangst aufgerieben… Stellen in einem Hotel und einem Radiogeschäft (in Frankfurt, mit GIs als Kundenstamm) konnte sie wegen ihrer „sozialen Intelligenz“ und der Sprachkenntnisse meistern. Dann heiratete sie einen Mann, typischerweise (wie ihr heute klar ist) mit AD(H)S. Mann, Kind und Mutter je mit AD(H)S und ohne Hilfen von außen, das endete zunächst  in einem erschöpften Zusammenbruch und dann in der Scheidung. Allein erziehend und berufstätig im Reisebüro ging es über 5 Jahre gut, bis dann Erschöpfung und Mobbing durch die Kolleginnen diese Lebensphase beendeten.

Zu einer neuen Partnerschaft suchte sie sich jemanden, der ihrem ehemaligen Mann unähnlich war. Kriterium war neben der gegenseitigen Sympathie seine Strukturiertheit. Heute würden wir sagen, sie hat einen Partner gesucht, der von ihrer Lebhaftigkeit profitiert und als Gegenleistung Ordnung in den Alltag bringt. Das schließt Liebe keinesfalls aus, ganz im Gegenteil.

Per Zufall kam das Paar an zwei lernbehinderte Pflegekinder im Alter der Tochter. Allein dieser Familienzuwachs sollte den Alltag mehr als ausfüllen. Dennoch begann Frau Tüllmann ein weiteres großes Projekt um nicht zu „verdummen“. Diese Station ist ein Abitur über das Telekolleg. Prüfungsangst und die Unmöglichkeit Schulgebäude zu betreten machten das zu einem Hürdenlauf. Ein anschließendes Studium der Ökotrophologie (Hauswirtschaftslehre) müsste sie wegen eines Erschöpfungszustandes abbrechen.

Über 8 Jahre hat sie anschließend ihre Schwiegermutter gepflegt, bis sie auf ein Neues zusammengebrochen ist. Statt in der Depression zu versinken hat sie dann eine Ausbildung in der Erwachsenenbildung begonnen und abgeschlossen. Stärkenzentriertes Arbeiten und Techniken der Gesprächsführung sind ihr seitdem selbstverständlich. Eine in dieser Zeit begonnene erste Psychotherapien hat ihr Arsenal an Techniken ebenfalls erweitert. Ganz typisch für Mitglieder unserer Gruppe hat sie von der Therapeutin vieles gelernt, was das Handwerk der Selben betraf. Das Verhältnis zur Psychotherapeutin war gut, dennoch hat es keine andauernden Erfolge gegeben. „Frau Tüllmann, ich kann ihnen nicht helfen.“

 

Wegen sich häufender depressiv gefärbter Erschöpfungszustände ist sie seitdem immer wieder in Behandlung gewesen.

Dann gab die Diagnose des AD(H)S durch Dr. Paulus ihr erstmals die Möglichkeit,ihren Lebenslauf zu verstehen und mit Medikamenten gezielt Einfluss zu nehmen. Als Legasthenikerin(!) leitet sie heute einen Lesekreis und engagiert sich auch sonst in der ehrenamtlichen Kulturarbeit. In unserer Selbsthilfegruppe hat sie sich des Coaching und der Erwachsenenbildungskonzepte / Hof Hesselmann angenommen. Heute ist sie sicher, dass ihr in der Vergangenheit mit diesem Verfahren manche Krise erspart worden wäre. Auch die aktuelle Leistungsfähigkeit wäre nicht durch so viel „altes Gepäck“ eingeschränkt.

Nicht von Frau Tüllmann vorgetragen, aber in der Runde deutlich geworden ist Folgendes: Insgesamt handelt es sich um einen typischen Lebenslauf für Mitglieder unserer Selbsthilfegruppe.

 

Ich fasse die Gemeinsamkeiten strukturiert und ergänzt zusammen:

 

Coaching: Gespräch auf gleicher Augenhöhe.

Wozu Coaching gut sein soll, das war in der ausführlichen Darstellung des Lebenslaufes klar geworden. Frau Tüllmann hat in ihrem Mann jemanden, der sie an Stellen alltäglich unterstützt, an denen sie bedingt durch ihre Erbanlage nicht weiter kommt.

Das Ergebnis, so ist auch klar geworden, kann sich sehen lassen. In unserer SHG sind viele Mitglieder, die auf diese Form von Hilfe mangels Lebenspartner nicht zurückgreifen können. Es sind die, mit den fast unlösbaren alltäglichen kleinen Problemen. Daraus ergeben sich nicht kaum lösbare große Lebensfragen. Bei den verursachenden kleinen Dingen versucht Frau Tüllmann in Sitzungen nach Bedarf, sozusagen auf Zuruf zu helfen. Weil sich die Probleme nicht an einen Terminkalender halten, geht es nicht anders. 

An Kleinigkeiten bricht immer wieder Welt der Klienten mit AD(H)S zusammen. In einem Sturm der Gefühle sind sie nicht in der Lage Prioritäten zu setzen und alltägliche Probleme zu lösen. Zunächst kommt es darüber zur Verzweifelung und Überreaktionen. Die folgende Erschöpfung frisst Tage oder Wochen.

 

Dabei geht es um Dinge wie:  Studienbetrieb, Prüfungsvorbereitung, Wohnungssuche, Terminmanagement, Umgang mit AD(H)S-typischen Stimmungsschwankungen, Treppenhausstreitigkeiten, Geldsorgen, Bürokratie, Beziehungsprobleme usw.

 

Im Einzelnen ist kaum zu trennen ob die Ursache eines Problemes in einer Teilleistungsstörung, in der Desorganisation, in der Erschöpfung,in der Entschlusslosigkeit oder in einer emotionalen Überreaktion besteht. Immer aber stellt es sich wie eine unüberwindliche Wand vor dem Coachee auf. Weil es so ist, dass die Ursache des jeweiligen alltäglichen Problems nur schwer zu finden ist, macht es kaum Sinn gute Ratschläge zu geben.

Diese gehen bei Menschen mit AD(H)S fast immer in die Irre. Das Ergebnis ist ein neuerliches Misserfolgserlebnis und das Gefühl den Coach enttäuscht zu haben. Wir finden das in unserer Gruppe auch als häufiges Ergebnis der so genannten Kognitiv-Behavioralen-Verhaltenstherapie.Diese scheiterte in aller Regel an der unzureichenden Diagnostik der Problemursachen.

Das geht noch weiter: Viele als pathologisch gesehene Verhaltensmuster erweisen sich nach aufwendiger Recherche als geschickte Kompensationsstrategie.

Diesen Problemen geht Frau Tüllmann in genial einfacher Weise aus dem Wege. Sie hat festgestellt, dass sich die Coachees selbst so gut kennen, dass sie in der Lage sind, die Lösungswege zu finden. Oft sind es solche, an die man als Berater beim besten Willen nicht denkt.

 

Leider sind die Klienten in ihren Gedankenwirbeln und Emotionen so gefangen, dass sie keinerlei Zugang zu ihrem Wissen über sich selbst und die Sachlage haben. (Wieder ein Problem, was eine dauerhafte Wirkung traditioneller „therapeutischer“ Ansätze erschwert.) Was sie macht, ist schlicht zuhören.

Dabei lenkt sie das Gespräch so, dass der Coachee den blockierenden Gefühlsknoten selbst zerschlägt (nicht aufdröselt wie in der Tiefenpsychologie) und die Lösung des Alltagsproblems findet. Das kommt bekannt vor; so machte es Alexander mit dem gordischen Knoten. Das Instrument dazu ist das aktive Zuhören. Immer ist wichtig, dass das Gespräch auf gleicher Augenhöhe also partnerschaftlich stattfindet, sonst kann der Coachee die Lösung nicht finden.

 

Wie tun?

Aktives zuhören

„Aktives zuhören“ ist eine bekannte Gesprächstechnik. Es geht darum immer wieder beim Partner rück zu fragen ob man ihn richtig verstanden habe. „Ich habe dich so verstanden… “ „Du meinst also… ?“ Dabei fordert man immer wieder die Überprüfung der eigenen Wahrnehmung durch den Gesprächspartner ein. Im Fall AD(H)S ist es so, dass der Coach einiges mehr tun muss. Nachfragen alleine reicht nicht. Er muss sich einbringen und eigene Gefühle zu dem Gesagten äußern.

„Spiegeln“ geht im Falle AD(H)S nur so. (Die viel gerühmte professionelle Distanz der Hilfsberufe ist an dieser Stelle kontraproduktiv.) Gefühle mitteilen meint nicht bewerten, besonders nicht negativ. Eigene Erinnerungen und Erfahrungen dürfen eingebracht werden und sind dabei sehr hilfreich. „Ich habe mich in einer vergleichbaren Situation so und so gefühlt.“

 

In der objektiv kleinen -subjektiv großen- Krise sind kreiselnden Gedanken und emotionale Blockaden des Coachee die Regel. Gespräche laufen dann schnell auf Abwegen.

Darum ist der Coach zu strukturierenden Maßnahme gezwungen. Von Klient zu Klient unterschiedlich kann das mit Zwischenfragen, der Bitte etwas genau zu erklären, Unterbrechen oder Stift und Papier geschehen. Wie immer bei AD(H)S, so wurde durch die Klienten von Frau Tüllmann deutlich gemacht, gibt es ein Tempoproblem. Oft ist es so, dass der Coachee wie vernagelt einem Gedankengang nicht folgen kann. Im selben Gespräch kann es dann so kommen, so dass er eine Lösung so rasend schnell entwickelt, dass der Coach nicht nachkommt.

 

Die Verfahren zur Gesprächsführung, wie oben geschildert, dienen dann zur Angleichung des Tempo. Eine Unterbrechung etwa kann von Fall zu Fall das Tempo erhöhen. Besonders ist dabei ist ein Rollentausch hilfreich, so wurde in der Diskussion deutlich. Schon aus diesem Grund ist ein „Oben“ und „Unten“ wenig sinnvoll. Für Leute mit AD(H)S ist nichts so ernst, dass es nicht im Spiel besser ginge. Übrigens ist es gar nicht wichtig für den Coach jede Problemlösung bis in das letzte zu verstehen. Nicht jede Tempodifferenz lohnt ein Eingreifen.

Stets geht es in erster Linie darum, das überschießende Gefühl so weit abzubauen, dass der Coachee wieder einen Zugang zu Lösungsstrategien bekommt. Das können Menschen mit AD(H)S in aller Regel nur mit einem anderen Menschen, der als „Katalysator“ wirkt. Die Frage nach dem Gefühl muss wegen der herabgesetzten Selbstempfindung in Form der Spiegelung erfolgen:

 

„Du kommst mir so vor, als fühltest du:… “

„Dein Gesicht, deine Stimme, dein Körper wirkt bei diesem Thema:

traurig, verzweifelt, müde, froh, aufgeregt, rastlos usw.“ - und immer wieder vergewissern ob das den Nagel trifft.

 

Gesprächsinhalte

Die Inhalte werden vom Coachee bestimmt. Dieser legt seine Situation offen, so weit er kann und will. Dabei darf er alles schildern, was ihm erwähnenswert erscheint und wenn es noch so banal wirkt. Wir erinnern uns, Menschen mit AD(H)S scheitern an den kleinen Dingen des Lebens.

Es geht in keiner Weise darum, in die Intimsphäre des Coachee einzudringen. Jeder Mensch hat seine Geheimnisse und er hat ein Recht auf sie. Nach Beschreibung der Problemlage wird gemeinsam nach Lösungsideen gesucht. „Brainstorming“ ist angesagt.


Wir erinnern uns:

 

Das Ergebnis ist in allen Fällen offen. Die zunächst skurril oder unsinnig wirkende Idee kann die beste sein. Das Verfahren gleicht einem improvisierten Spiel. Immer neue, gerne auch abseitig erscheinende, Lösungen werden erfunden. Gemeinsam werden Vor- und Nachteile angeschaut und Szenarien durchgespielt. AD(H)Sler sind Meister im kongenialen Arbeiten.

In unserer Umwelt scheitern sie oft daran, dass die Strukturen das nicht zulassen. Im Coaching ist es aber die Kernkompetenz. Ganz wichtig ist, dass nach aller gemeinsamer Spielerei die Entscheidung beim Coachee liegt. Er, und nur er, entscheidet. Es ist sein Leben und es ist überflüssig sich für den gewählten Weg zu rechtfertigen.

 

Ungelöste Fragen

Leistungsausgleich?
Unsere Gruppenmitglieder sind oft in wirtschaftlicher Not und daher nicht in der Lage zu bezahlen. Erschöpfung verhindert oft eine Gegenleistung in Arbeitsstunden. Langfristig kann Coaching aber nur bei gleichwertiger gegenseitiger Leistung funktionieren. Ob eine Tauschbörse das Problem beheben kann?

Wer coacht den Coach?
In Sozialberufen ist eine Supervision ein eingeführtes Instrument. Im Fall des Coaching schwebt Frau Tüllmann ehr eine Arbeitsgruppe dazu vor. In dieser können beispielsweise auch die Coachees mitwirken. Rückmeldung wird so vereinfacht. Gegen Ende hat die Veranstaltung tatsächlich den Charakter einer solchen Gruppe bekommen. Es war viel versprechend!

Wer entlastet den Coach in Krisen und Problemfällen?
Wen kann er fragen, wenn er nicht weiter weiß? Wie und mit wem kann er über Probleme mit dem Coachee sprechen, aber dessen Identität schützen?

Was tun in der Krise?
Suizidgefahr, Wohnungsnot, Schwerer Überlastungsstress, Übergriffigkeit… Dann stößt das Coaching an seine Grenzen. Wo kann man schnell und unbürokratisch Hilfe finden? Netzwerkarbeit! –aber wie? Durch Qualitätszirkel, Netzwerkarbeit der Selbsthilfe!

Einordnung in einen größeren Zusammenhang
Coaching, wie hier beschrieben, ist kein Konkurrenzverfahren zur Psychotherapie. Diese ist weiterhin zur Krisenintervention nötig und kann bei der Bearbeitung von Folgeschäden des AD(H)S hilfreich sein. Erhebliche Bedeutung wird sie in Zukunft dabei gewinnen, durch intensive Schulung der Patienten ein „Störungsbewußtsein“ zu entwickeln. Das ist nötig um Hilfen, wie das Coaching, annehmen zu können. Im Manual von Hesslinger (Freiburg) deutet sich diese Entwicklung bereits an. Ähnlichkeiten mit entsprechenden Programmen bei chronischen Erkrankungen, etwa der Diabetikerschulung, drängen sich auf.

Unsere Arbeitsgruppe ist aber der Meinung, dass langfristig erfolgreiche Hilfe nur auf der Basis des Alltags-Begleitenden-Coaching zu erreichen ist. Dieses wirkt nur auf den ersten Blick an der „Störung“ zentriert. Tatsächlich macht es sich die individuellen und außergewöhnlichen Stärken der Menschen mit AD(H)S zu Nutze. Idealerweise geschieht das durch darin ausgebildete Laien. Im Einzelfall ist es in der Lage, so weit reichen die Erfahrungen unserer Gruppe bereits, schwere Lebenskrisen zu verhindern. Das bewirkt unter anderem eine Verringerung des Selbstmordrisikos.

 

 

Protokollniederschrift W. Beerwerth 05.11.05

Arbeitsgruppe Psychotherapie der AD(H)S Erwachsenenselbsthilfegruppe Münster
Protokoll der siebten Sitzung am 28.11.05
Thema: Alltagsbegleitendes Coaching
Referentin: Frau Tüllmann

 

Teilnehmer:
Ralf Jostes – Leitender Psychologe, Eos Klinik
Mechthild Tüllmann – AD(H)S-SHG Münster, Arbeitsgebiet Coaching
Dr. Folkert Klassen – Studiendirektor i.R., Kardinal von Galen Gymnasium, Initiative Schulprofil
Klaus Günter Martin – AD(H)S-SHG Gebiet Literaturrecherche
Herr Miebach – Psychologe der Eos Klinik
Dr. Walter Beerwerth – AD(H)S-SHG, stellvertretende Leitung, Öffentlichkeitsarbeit
Des weiteren sind zwei Klienten von Frau Tüllmann und Frau Kamphusmann anwesend, Frau L. und Herr K.

und weitere... 

Anmerkung: Die Referentin, Frau Tüllmann, benutzte die weibliche Form: Die Coach, die Coachee. Ihre Klienten (jeweils die Coachee) sind bisher Frauen gewesen, also ein konsequentes Vorgehen. Ich habe der leichteren Lesbarkeit wegen (und nur deshalb!) die männliche Form gewählt.