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Didaktik bei AD(H)S


I Problemstellung

Einleitend wurde festgestellt dass Menschen mit ADS, die in einer Krisensituation therapeutische Hilfe suchen, häufig kaum erreichbar sind.

Das trifft sowohl für therapeutische Interventionen, als auch für die Vermittlung von Basiskenntnissen über ADS zu. Letztere hat, wie in der vorherigen Sitzung festgestellt, in der „Behandlung“ eine zentrale Stellung. Als Gründe für die Notwendigkeit einer besonderen Didaktik wurden herausgearbeitet:

  1. ein Merkmal von ADS ist das häufige Verharren in Gedankenkreisen. Besonders im Zustand der Erschöpfung und der damit häufig verbundenen ADS-typischen Erregtheit ist das Gedankenkreisen kaum zu durchbrechen. Es sperrt den Patienten förmlich ein.
  2. Der in dieser Situation regelmäßig zu findende emotionale Ausnahmezustand schränkt die Aufmerksamkeit weiter ein.
  3. Die namensgebende banale Unaufmerksamkeit bleibt zudem im Hintergrund vorhanden.

 

II Didaktische Mittel als Voraussetzung von Aufklärung und Therapie

Als didaktische Mittel wurden in (erstaunlicher) Einmütigkeit von Psychologen, Lehrern und Mitgliedern der SHG vorgeschlagen:

 

  1. Wann immer möglich, sollte eine gut getriggerte medikamentöse Einstellung der erste Schritt sein, da sie auf alle oben genannten einschränkende Probleme lindernd wirkt. Häufig macht erst sie eine Kommunikation möglich. (So auch Hesslinger in seinem Vortrag in der Dornier Klinik vom 26.01.05).

  2. Um nach einem Wegträumen einen Wiedereinstieg in das Thema zu ermöglichen, muss darauf geachtet werden zum Verständnis nötige Inhalte mehrfach zu behandeln. Bei den Wiederholungsschleifen ist es notwendig den selben Sachverhalt aus vielen sehr unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten, sonst klingt sich der Patient aus oder es kommt zu Aggressionen. Didaktische Schleifen um den Faden wieder aufzunehmen wurden vermittelt. Alles ist erlaubt, außer Langeweile.

  3. Der Therapeut/Lehrer muss sich immer wieder rückmelden lassen, dass das Besprochene auch wirklich angekommen ist, um es - wo nötig - zu vertiefen.

  4. Eine deutliche, möglichst häufige und persönliche Ansprache ist unverzichtbar.

  5. Behalten wird, was selbst geäußert wurde. Dazu ist die Arbeit in Kleingruppen ein probates Mittel.

  6. In einer solchen Arbeitsgruppe mit anderen Patienten, SHG Mitgliedern oder Therapeuten ist für einfache und klar strukturierte Arbeitsanweisungen zu sorgen, die durchaus zuvor gemeinsam erarbeitet sein können. Die eingeschränkte Übersicht und Planungsfähigkeit werden andernfalls einen Erfolg behindern.

  7. Besondere Aufmerksamkeit ist auf die geeignete Umgebung mit ruhigen, hellen und freundlichen Räumen zu legen. Das verringert die Ablenkbarkeit, und die Notwendigkeit zu krampfhaften Konzentrationsbemühungen mit anschließender (gelegentlich aggressiv gefärbter) Erschöpfung.

  8. Wenn die Gruppe größer als 4 bis 6 Personen ist, sollte unbedingt einem frontal geführten Unterricht mit klassischer frontaler Sitzordnung der Vorzug gegeben werden. Es sollte dann ein „Geführtes Lehrgespräch“ stattfinden. (Gründe, wie bei 7).

  9. In der Lerngruppe sollten kleine Coachingverhältnisse installiert werden, um den Nachbarn eventuell „zu wecken“. Auch für spätere Nachfragen: „Wie war das noch… ?“ ist das wertvoll.

  10. ADS’ler denken mehr als andere Menschen in Bildern, sei es sprachlich oder visuell. Dem ist mit einer Bildhaften Sprache und Verwendung von reichlich Bildmaterial Rechnung zu tragen. Das kommt auch anderen zugute, ist aber bei ADS unverzichtbar.

  11. Wichtige Inhalte, gleichgültig ob aus der Verhaltenstherapie oder aus dem Lehrteil über die Biologie des AD(H)S sind mit Bildern, Melodien, Farben oder sonstigen im täglichen Leben verwendbaren Assoziationshilfen zu verknüpfen. (Eines der Rezepte für einen dauerhaften Erfolg verhaltenstherapeutischer Ansätze.)

  12. Mehr als andere Menschen können AD(H)S’ler das Gelernte nur dann effektiv in das Langzeitgedächtnis überführen, wenn es mit Emotionen belegt ist. Das ist ein Hindernis für „Vokabellernen“. Wenn Zusammenhänge gelernt werden und eine emotionale Beteiligung hervorgerufen wird, kann dieses Problem umgangen werden.

  13. Aggression, Angst oder Trauer verhindern einen Lernerfolg. Gerade bei Menschen mit AD(H)S und ihrer hohen Empfindsamkeit für Stimmungen in der Gruppe und des „Lehrers“ ist dessen Wertschätzung des Patienten und dessen gute Laune das Fundament jeden Erfolges. Eventuell ist diese Person zu wechseln. Sympathie und Empathie sind hier nicht Schlagworte aus Sonntagsreden sondern unverzichtbare Basis.

  14. Manche AD(H)S’ler benötigen, um eine ausreichende Stimulation zu erreichen, ein Multitasking. Musik hören oder Malen oder Auf und Ab gehen sei es im Unterricht oder in der Therapiestunde sind dann wertvolle Hilfen. Danach sollte gezielt gefragt werden. Protokoll schreiben und dergleichen können ebenfalls diesen Zweck erfüllen.

  15. Dem „Takt“ des Unterrichtes ist besondere Beachtung zu schenken. Das ergibt sich zum einen aus der verkürzten Aufmerksamkeitsspanne, zum anderen dem typischerweise schnellen Gedankenlauf. Ein Thema ohne abwandelnde Wiederholung unter gänzlich anderer Perspektive sollte in weniger als 10 Minuten abgehandelt sein.

  16. Pausen dienen dem gleichen Zweck. Deren Notwendigkeit erschwert die Behandlung in vorgegebenen „Therapiestunden“. Weniger Arbeit und häufigere Pausen bewirken mehr, zumal viele AD(H)S’ler in den „guten Minuten“ rasend schnell und produktiv sein können, wie übereinstimmend berichtet wurde.

  17. Nicht nur im 1–zu–1-Setting sollte auf die Signale des Patienten gehört werden. Sowohl Unaufmerksamkeit wie auch zu intensive (Hochschaukeln) emotionale Beteiligung lösen Gedankenkreisen aus und sollten zum sofortigen Themenwechsel führen.

  18. Sport oder schwere körperliche Arbeit sind das beste nicht-medikamentöse Mittel um die typischen Erregungs- und Verwirrtheitszustände zu beheben. Eine Vorbereitung mit Erschöpfender körperlicher Bewegung sowie einer anschließenden Ruhepause ist die ideale Voraussetzung jeden Lernens. Das gilt auch für die Verhaltenstherapie.

  19. Zum gleichen Zweck kann die Hyperfokussierung, besser Begeisterung genannt, auf ein nicht zur Therapie gehörendes Thema durch die Übertragung einer Aufgabe genutzt werden. Die Objekte der Begeisterung sind so unterschiedlich, wie Hobbys halt sind.

  20. Wegen der Empfindungsstörung, nicht nur für die eigenen Emotionen, auch für Hunger und Durst ist für etwas Essen und Trinken vor der Lehreinheit zu sorgen (Abfragen!). Hier oft liegt die banale Ursache mancher Unaufmerksamkeit oder aggressiver Entgleisung.

 

All die oben genannten Mittel können nur dann funktionieren, wenn ein persönlicher Unterricht stattfindet.  Das persönliche Verhältnis zwischen Lehrer oder Therapeut und Klient steht im Vordergrund. Schriftliches Material oder „Hausaufgaben“, wie im Manual von Hesslinger (Uni Freiburg) vorgesehen, haben nur ergänzenden Charakter.

 

III Sonstige Anregungen

Frau G. betonte, dass manche Bilder zum Beschreiben von Defiziten, z.B. die gängige Formulierung: „Zeitverständnis und Organisation auf kindlichem Niveau“ als herabsetzend empfunden werden können und dann zu sofortiger Verweigerung führen. 

Diffamierende Bemerkungen hätten die meisten AD(H)S’ler im Laufe des Lebens genug gehört, das müsse bei einer Therapie nicht auch noch sein.

Herr Jostes machte deutlich, dass im modernen Konzept der Persönlichkeitsstörungen, wie es etwa R. Sachse (Bochum) vertritt, die gestörten Kommunikationsmuster einen zentralen Raum einnehmen. Er halte manche, speziell stärkenorientierte Ansätze aus dieser Richtung auch für den Umgang mit AD(H)S’lern für wertvoll.

Herr Hillebrand betonte, dass er aus dem Elterntraining gelernt habe, wie wichtig es sei mit dem Patienten „auf gleicher Augenhöhe“ zu sein. Mit der Gleichberechtigung von Therapeut und Patient habe er bei seinen AD(H)S-Klienten erst die Möglichkeit einer konstruktiven Arbeit bekommen.

Herr Dr. Beerwerth brachte noch einmal ein, dass es unverzichtbar ist, die Bezugspersonen des Patienten einzubeziehen. Ein weiterer Aspekt sei, dass nach entsprechender Aufklärung
und Schulung der Patient und seine Bezugspersonen einen Teil der Diagnostik z.B. Stärken/Schwächen selber übernehmen können.

Frau A. hob ein Kardinalproblem im Umgang mit AD(H)S’lern hervor. Sie benötigen, um ihre mangelhaften Selbstempfindung zu umgehen, dringend andere Menschen als Spiegel. Weil sie aber dessen Emotionen sofort übernehmen und sich kaum gegen die andere Person abgrenzen können, werden sie oft zum Spielball. Häufig sehen sie sich gezwungen, den Kontakt deshalb abzubrechen.

Das Wissen darum hält sie für die Basis jeden gedeihlichen Umgangs mit AD(H)S’lern. Alle Mitglieder der SHG stimmten da zu. Frau Landwehr und Dr. Klassen betonten, wie wichtig ihnen die Anregungen aus der Arbeitsgruppe für die Arbeit an Schulen sind. Sie hoffen, das in die Lehrerkollegien tragen zu können. Die Schule sei für die meisten

AD(H)S’ler eine wichtige Station, wo viele am System scheitern. Schule könne aber auch eine Chance z.B. zur Diagnostik sein. Da sich unter AD(H)S’lern viele, bisher kaum geförderte sehr talentierte Schüler finden, sei Wissen um AD(H)S bei den Lehrern dringlich notwendig. Talentförderung mit geeigneten Mitteln statt Reparaturbetrieb war der Tenor.

 

Protokollniederschrift W. Beerwerth 23.02.05
Arbeitsgruppe Psychotherapie der AD(H)S ErwachsenenselbsthilfegruppeMünster
Protokoll der zweiten Sitzung am 21.02.05
Thema: Didaktik

Teilnehmer:
Ralf Jostes – Leitender Psychologe, Eos Klinik
Thomas Hillebrand - niedergelassener psychologischer Psychotherapeut, AD(H)S Qualitätszirkel
Dr. Folkert Klassen – Studiendirektor i.R., Kardinal von Galen Gymnasium, Initiative Schulprofil
Veronika Landwehr – Studiendirektorin, Kardinal von Galen Gymnasium, Initiative Schulprofil
Dr. Walter Beerwerth – AD(H)S-SHG, stellvertretende Leitung, Öffentlichkeitsarbeit

und weitere... 

Sich aus Termingründen entschuldigt haben:
Frau Dr. Schiede Nedjat - C. Dornier Klinik, ärztliche Direktorin

Herrmann Stegink – Leiter der AD(H)S SHG Grafschaft Bentheim