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Erwachsenen AD(H)S und Fehldiagnosen/Komorbidität/Folgeerkrankungen


Differenzialdiagnostische Herangehensweisen bei AD(H)S sind wichtig! AD(H)S im Erwachsenenalter steckt oftmals - und besonders im klinischen Bereich - in den Kinderschuhen.  Primär liegt der Fokus Behandelnder noch auf den Erfahrungen tiefenpsychologisch fundierter klinischer Psychiatrie.  Aber besonders für den AD(H)S Betroffenen ist eine speziellere Herangehensweise von Nöten, welche die typische Symptomatik der AD(H)S berücksichtigt! Dies betrifft vor allen Dingen die sogenannten Komorbiditäten oder auch Folgeerkrankungen, sekundäre Störungen, welche sich auf dem -  unter Wasser befindlichen Eisberg - AD(H)S als sichtbare Spitze aufbauen.

 

AD(H)S – das Chamäleon

Betroffene AD(H)SlerInnen - und insbesondere die Erwachsenen - erlebe ich häufig in meiner Selbsthilfearbeit als Chamäleons. Emotionen und Interaktions- und Beziehungsstrategien, sind oftmals Spiegel eines derzeitig vorhandenen Settings, zwischen den Betroffenen AD(H)Sler und seinem Gegenüber.

Diese können sich genauso schnell Verändern, wie die eigentliche Stimmung des Betroffenen. So erlebt man extrem häufig, dass Betroffene, sich – gerade im klinischen Kontext –  einem Setting anpassen, welches täuschend mit möglichen pathologischen Persönlichkeitsmerkmalen übereinstimmen. „AD(H)SlerInnen leben ihr Umfeld“ – wäre eine vereinfachte Ausdrucksweise hierfür. Besonders meine Erfahrungen, was passiert wenn sich Jugendliche Betroffene „gestörten“  Subkkulturen anschließen, macht dieses Phänomen mir persönlich nochmals deutlich.

Wichtig ist dementsprechend ein persönliches Netzwerk aus Menschen, die einem „gut tun“. Professionelles AD(H)S-Coaching hat diese Erkenntnis schon längst in ihre Arbeit integriert.  Insbesondere Coaching, als eine der sinnvollsten Kompensationsstrategien für AD(H)S, nutzt diese Gegebenheit um „Emotionen zu leihen“.

 

Was bedeutet dies für die Differenzialdiagnostik der AD(H)S? 

Es bedeutet, dass die sogenannte Persönlichkeitsstörung, ein Konzept, das Beziehungs- und Interaktionsstörungen beschreibt und  im klinischen Bereich eine starke Verbreitung gefunden hat, ein Konzept ist, welches schnell dazu führt nach Symptomen zu diagnostizieren. Die Persönlichkeitsstörung ist aber, im Gegensatz zum AD(H)S, eine erworbene Krankheit, die meist Traumatisierungen und/oder Entwicklungspsychologischen Hintergrund hat.

Zu solchen Persönlichkeitsstörungen gehören auch welche, die sehr oft mit der Symptomatik der AD(H)S verwechselt werden können. AD(H)S im Erwachsenenalter ist für viele neu; neuer als die Persönlichkeitsstörung. Dementsprechend liegt der Fokus vieler Therapeuten und Ärzte noch nicht, auf der sich oftmals verschleiernden AD(H)S-Symptomatik und seinen  neurologischen Hintergrund.

 

Narzissmus – Erste Täuschung

Die Zahlen der Narzisstischen Störungen, komorbid zu der AD(H)S im Erwachsenenalter, sind prägnant.  Interessant ist hierbei, dass ein „klinisches/therapeutisches Setting“ eine Selbstbeschäftigung mit eigenen Verhaltensweisen und Problemen voraussetzt.

Ein Fokussieren auf sich selber. Hier gelangt, das allgemein bei AD(H)S bekannte „Hyperfokussieren“ zur enormen Gewichtung.  Menschen mit AD(H)S steigern sich in sich selbst rein – Hyperfokussieren sozusagen auf sich selbst. Hyperfokus ist eine AD(H)S Symptomatik, die wenig Berücksichtigung in der Differenzialdiagnostik findet und deren pathologischer Wert selten explizit erörter wird.

Dies kann im Setting der Diagnostik oft zu  Verwirrungen, und letztlich zur Diagnostik der Narzisstischen Persönlichkeitsstörung führen, welche eine konkrete Behandlungsstrategie voraussetzt und  einen innerpsychischen Konflikt, der besondere Herangehensweise benötigt.

 

Diese Behandlung ist aber bei dem hier zugrunde liegenden Hyperfokussieren  eines AD(H)S fehlindiziert. Das mögliche pathologische System der Über- und Untersteuerung wird oftmals nicht erkannt. Und entsprechende Umgangsformen und Edukation weder ermöglicht noch berücksichtigt.  Ganz im Gegenteil verwirren sich viele Betroffene mit einer solchen Fehl-Diagnostik im Hyperfokus, leiden noch stärker am irritierten Selbstwertgefühl, welches bis zur Depression und weiteren Kompensations- und Abwehrstrategien führen, die der - so oft unverstandene - AD(H)Sler häufig aus der Vergangenheit erlernt hat. Eine häufige Bestätigung behandelnder Therapeuten, die dieses Abwehrverhalten möglicherweise zur „Ich-Syntonen“ Symptomatik einer Persönlichkeitsstörung zählen.

 

Histrionisch – Zweite Täuschung

Ähnliches finden wir bei der Histrionischen Persönlichkeitsstörung. Bei meiner Arbeit mit AD(H)S Kindern und Jugendlichen habe ich oftmals festgestellt, dass insbesondere „nicht Medikamentös“ behandelte, verstärkt eine Selbstregulation nutzen, die ihnen Struktur und Sicherheit bietet.

Dies dient der Selbststeuerung der irritierten Fokussierung. Ein annehmen fremder Regeln und Reizen ist vermehrt dadurch erschwert.  Dieses impliziert oftmals ein „sich in den Mittelpunkt“ drängen – ein „alles unter Kontrolle haben“ und damit „alles“ im Fokus behalten können. Ein solches Verhalten kann schnell mit einer histrionischen Persönlichkeitsakzetuierung verwechselt werden. 

Interessante Studien zur Persönlichkeitsveränderung bei AD(H)S unter Methylphenidat, verdeutlichen nochmals, das hier eine Diagnostik vorliegt,  die nicht eine Persönlichkeitsspezifische und tiefenpsychologisch orientierte Herangehensweise benötigen, sondern eine vorab Behandlung der AD(H)S!  Auch haben langjährig erfahrende Fachkräfte oftmals das Phänomenen „Persönlichkeits-Chamäleon“ festgestellt. Ambulante probatorische Sitzungen, die oftmals ergeben, dass es sich hier nicht um „starre“ Beziehungs- und Interaktionsstörungen handelt,  sondern um Setting- und Situationsabhängige Gegebenheiten der Interaktion bei der Aufmerksamkeits-Defizit-Störung. Der Hyperfokus - keine Differenzialdiagnostik sondern ein Symptom der AD(H)S!

 

Zwänge – Dritte Täuschung

Deutlich wird dieses Phänomen auch bei Zwängen. Ein Zwang, eigentlich ein innerpsychischer Konflikt, hat bei AD(H)S andere Hintergründe. Der AD(H)Sler hat oftmals konkrete Gründe seinen Zwang zu entwickeln, welche der Symptomatik der AD(H)S entspringen.

Das bei Betroffenen bekannte „Schlüssel vergessen“, „Topf anbrennen lassen“ und andere Kleinkriege an der Front des Chaos, wecken bei oftmaligen Versagensängsten und Sanktionen aus dem Umfeld Strategien, um sich vor weiteren Chaos und Emotionalen Stress zu schützen. Ein Zwang wird daraus geboren. Ist hier primär eine Behandlung des innerpsychischen Konflikts nötig, oder liegt der Schlüssel in der AD(H)S und einer guten Verhaltenstherapie?

 

Borderline (BPS) – Vierte Täuschung

Viele Symptome der AD(H)S und des Emotional Instabilen/Borderline Typus sind zum verwechseln ähnlich. Vereinfacht lässt sich sagen, dass die eigentlichen Unterschiede in den Bereichen „Objektkonstanz“ (Schwarz-Weiß-Denken) und der Nähe-Distanzregulation liegen (BPS können nicht alleine sein). Zahlen sprechen dafür, dass ca. 50 %  aller diagnostizierten Borderliner eigentlich eine AD(H)S als Grundstörung oder sogar „nur“ eine AD(H)S haben.

Dramatische Zahlen. Aus der Selbsthilfe habe ich mehrere – meist Frauen – kennen gelernt, die auf BPS diagnostiziert urden und erst nach jahrzenterlanger scheiternder und zermürbender Behandlung – die in einigen Fällen zur Frühberentung führte, auf ihre AD(H)S diagnostiziert wurden. Eine darauf folgende Behandlung mit Methylphenidat/Amphetaminen sorgte in vielen Fällen zur enormen Erleichterung, und zu einem schwierigen Kampf, die vorige Berentung wieder aufzuheben.

 

Depressionen - Fünfte Täuschung

ADHSler zeigen häufig in ihren wechseln von Über- zu Untersteuerung, innerhalb der Untersteuerung eine Art von „Emotionaler Nulllinie“. Flach im Affekt, sich nicht aufraffen können, nichts anpacken können, wirken dementsprechend oft wie eine Depression. Was fehlt: ist die tiefe Traurigkeit, die eigentlich eine Depression ausmacht.

 

Psychotisch - Sechste Täuschung

Wenn ADSler oftmals hochgradig überstresst sind, sich vieles in ihrer Struktur auseinanderbegrochen ist, Medikation vergessen wurde und dann noch eine kleine Krise aufkommt, die gerade in einer Reizüberflutung untergeht, können ADSler in den Spitzen Psychotisch wirken. Leicht beheben lässt sich dieses Phänomenen, wenn man diese „Entstresst“ und sich ausruhen lässt.

Für eine gute Einstellung der AD(H)S Medikation sorgt und sie einfach mal ausschlafen lässt. Danach verschwinden wie aus Geisterhand die Formalen Denkstörungen auf einmal. Leider erleben wir diese Diagnose auch als vorkommende Fehldiagnose. Menschen die dann mit Amilsulpirid behandelt wurden (unter der Dosierung, die Antipsychotisch wirkt) wundern sich dann über eine Besserung ihrer Symptomatik.

 

AD(H)S Symptomatik als Hintergrund erkennen

Also: Oftmals einen anderen Hintergrund haben die Komorbiditäten bei AD(H)S,  welche die Berücksichtigung der eigentlichen AD(H)S-Symptomatik und ein systematisches AD(H)S-orientiertes Behandlungskonzept benötigen. Die „Freudianer“ versuchen oftmals den tiefenpsychologischen Hintergrund zu entschlüsseln und tappen besonders beim AD(H)S im Dunkeln und sind verwundert über das langfristige Scheitern Betroffener.

AD(H)S ist nach derzeitigem Stand immer noch ein medizinisches Problem! Eine Professorin zur klinischen Psychologie sagte hierzu: „Es ist immer wichtig nicht nach Symptomen, sondern nach Hintergründen zu diagnostizieren! Gleiche Symptome können Ausdruck völlig unterschiedlicher Störungen sein.“

Ähnlich häufig ist die Verwechslung von Nahrungsunverträglichkeiten zu AD(H)S, dasselbe mit anderen Hintergründe, die oft mit einer AD(H)S verwechselt werden. Erfahrende Psychiater und Therapeuten, welche die Grundstörung AD(H)S in der Berücksichtigung komorbider oder Folgestörungen involvieren, sind nach wie vor nicht gang und gebe.

AD(H)S und Differenzialdiagnostik steckt besonders im Erwachsenenalter noch vielerorts in den Kinderschuhen. Kein Wunder, war die Herangehensweise nicht auf die besonderen Hintergründe von uns „ChaotInnen“ eingestellt; weiß man doch dazu, dass diese Fachkräfte primär aus der Persönlichkeitsdiagnostik kommen. Dramatisch ist dies besonders wegen der oftmals fehlenden „sinnvollen“ Behandlung Betroffener AD(H)SlerInnen, und dazu auch noch oftmals hoch irritierend und stigmatisierend bei falscher Herangehensweise. Das kann „krank“ machen!

 

Nachwort

Sicherlich gibt es deutliche Folgeerkrankungen oder auch sich gegenseitig bedingende Komorbiditäten, die aus einer AD(H)S Vergangenheit entstehen können. Gewarnt sei aber vor „Schnellschüssen“ und einer gewohnten Diagnostik, wie sie AD(H)S-Fremd eine immense Erfahrung genießt. „AD(H)SlerInnen sind anders“,  und müssen auch – im Sinne eines medizinischen Problems, AD(H)S-spezifisch diagnostiziert und behandelt werden. Edukation ist hier wichtig. Ich sehe hier  die Selbsthilfe prädestiniert für die Aufgabe Fachkräfte zu vernetzten, Betroffene und Laien aufzuklären und Erfahrungen „hautnah“ zu reflektieren. Behanldung von Traumatisierungen, Strukturgebungen und Lebensgestaltungen, haben des öfteren mehr Einfluss, als die VT. 

Für dich lieber Leser, der vielleicht eine Persönlichkeitsstörung diagnostiziert hat, kommen vielleicht Fragen auf wie:  Habe ich jetzt eine Persönlichkeitsstörung oder hat mein Arzt nicht die Erfahrung, um mit einen AD(H)Sler umzugehen?

Ein Rätsel hervorragend geeignet für einen nächsten Hyperfokus.

Hier hilft ein guter Tipp von einem ADS-Kenner und Psychiater:  „Diagnosen sind Schubladen! Sie passen aber nicht genau auf dich, und auf niemanden sonst. Denke nicht in Diagnosen, sondern denke in Fähigkeiten und Problemen. Versuche sie einzeln anzugehen, um ein Umgang für ein persönliches gelungenes Leben zu finden. Ein guter Arzt braucht keine Diagnoseschlüssel mehr, um zu verstehen. Das tun nur Anfänger und Krankenkassen.“

Auch sollte man sich nochmal deutlich mit der Nomenklatur „Persönlichkeitsstörung“ auseinandersetzen. Mittlerweile spricht man auch deswegen mittlerweile von Beziehungs– und Interaktionsstörungen. Betroffene, die mich auch eine Persönlichkeitsstörung ansprechen, verweise ich immer darauf, dass sie bitte ihre  Diagnoseschubladen zulassen sollen. Ferner sollen sie es mir lieber in Worten erklären, was sie belastet: „Ich fühle mich leicht abgelehnt“, „ich bin immer ängstlich und vermeide alles“. 

Leider gibt es noch viele Ärzte die einen eine Persönlichkeitsstörung um die Ohren hauen, egal ob Krankheitseinsicht oder Stabilität des Betroffenen vorliegt. Identitätsstiftung via Diagnose ist unter allen Umständen kritisch zu sehen. Bei ADHS sogar möglicherweise eine Katastrophe. Sie Hyperfokussieren und verfallen in Ablehnung oder werden Traurig darüber.

Da wäre es lieber sinnvoll Patienten schrittweise an mögliche Verhaltensweisen und Denkweisen heranzuführen und immer wieder zwischendurch das Selbstwerterleben zu stärken. 

Ohne Zweifel kann man mehrere Störungen auf einmal haben. Es ist aber sinnvoll sich immer an Ärzte zu wenden die sich mit AD(H)S im Erwachsenenalter auskennen. Diese beherrschen auch meistens die Differenzialdiagnostik! Diese finden Sie unter anderem in unserem Netzwerk.