Hyperfokus und Selbsthilfe


„150 % geben und die Erschöpfung danach“

 

Tja hi Walter,

die Ereignisse der letzten Tage „Irrsinn“ zeigten mir wieder auf, dass mein ADHS Grenzen und Besonderheiten hat, die ich zu beachten habe. Also was ist passiert?

Wie du weißt, bin ich neu ins Praktikum eingestiegen. Diese Arbeit liegt mir sehr. Und dementsprechend habe ich in das Neue hyperfokussiert. Als AD(H)S-Kenner und jemand der sich gerne durch Leistung profiliert und dadurch sein Selbstbewusstsein Kompensiert, habe ich natürlich auch Leistung zeigen wollen. Das implizierte, dass ich innerhalb einer Woche Aufgaben übernommen habe, wo meine Kommilitonen nur noch Bauklötze staunten.

Totaler Hyperfokus, selbstsicher, organisierend, verbessernd, engagiert und Wollend bin ich in dieses Praktikum gestürzt. Begeisterung seitens meiner Anleiter und Kollegen, Skepsis seitens meiner Professoren und Erstaunen der Kommilitonen. Ich, gefangen im Fluss des Hyperfokus, sah dies alles nicht, sondern nur noch eins:

Erfolgreich Lernen und Arbeiten!

Funktioniert auch gut, weil der anfängliche Erfolg es mir bestätigte. Diese äußere Bestätigung zwingt leider auch dazu, ein Level zu halten. Wenn ein  Team natürlich merkt, dass da jemand was macht, nimmt es dies schnell als selbstverständlich hin und fordert diese Leistung auch von einem kontinuierlich weiter.

Ein zweischneidiges Schwert:

Anforderungen, die ich mir setze und Anforderungen die daraus selbstverständlich von Außen kommen. Doppelte Anforderung also, selbst fabriziert. Da es bei mir eh nicht besonders rosig aussieht und ich gerade mit Organisation und Krankheitsbedingten Nachholterminen, sowie einer besch***** finanziellen Situation belastet bin, ist eigentlich bei mir Stress angesagt.

Als dann noch der Wiggel der letzten Woche auf mich zu kam und die Gegebenheit, dass ich und eine andere betroffene ADS Person, im Hyperfokus zusammengeknallt sind, war zappenduster. Mein Gott, ist Chaos ansteckend. Ich war emotional und nicht mehr sachlich, zog mich zurück und suchte die Einsamkeit, lief wortwörtlich im Kreise (halbe Jacobsweg) und versuchte mich durch Duschen soweit runter zu fahren, damit ich wieder Körpergefühl und Strukturgefühl bekam.

Mein Zigarettenkonsum lag bei 2 Schachteln den lag und Alkohol war willkommener Abendgast.

Das doofe, wenn dieses Stadium einmal erreicht ist, hängt man sich selbst durch impulsive Handlungen meist auf. Man macht einfach - egal was es für Arbeit nach sich zieht. Man will in der Hilflosigkeit des Chaos zwanghaft versuchen, alles im Griff zu haben, damit es nicht unübersichtlich wird.

Das ist wie eine Katze, die sich in den Schwanz beißt.

Es wird mehr und mehr… und am Ende sieht man gar nichts mehr, und handelt sehr unlogisch und belastend für sich und leider manchmal auch für die Umwelt oder Arbeit. Privates, Berufliches und Freundschaftliches kann darunter leiden.

Oftmals merkt man gar nicht, dass man sich in dieser Phase befindet. Deine Rückmeldung vor einigen Tagen, was mein Gesundheitszustand betrifft, war hier sehr wichtig für mich! Für  mich ist hier die Frage gewesen:

 

 „Wie schütze ich mich persönlich davor, was lernen wir daraus und für die Selbsthilfe?“

 

1. Das Erkennen

Ich muss erkennen dass ich im Hyperfokus bin. Das ist leicht gesagt! Ich habe den Eindruck, dass es eine ADS Natur ist, dass es viele Betroffen „nicht“ können.

Wenige mit genug Erfahrungen und Wissen haben eine Antenne für ihre Grenzen. Diesbezüglich bin ich tatsächlich noch von Rückmeldungen abhängig. "Danke" an dich Walter für die kritische Rückmeldung! Das brauchte ich, und brauchen auch viele Leute mit AD(H)S, die nicht fähig sind, den schleichenden Fluss der Symptomatik zu erkennen! Hier greift für mich die Selbsthilfegruppe am meisten.

Auch private oder professionelle Leute können hier super sein. Einfach jemanden dem man auch annimmt, den man Ernst nimmt in seiner Rückmeldung. Der das Erkennt, was man im totalen Hyperfokus selbst nicht wahrnimmt.

Ich habe erkannt, wie wichtig solche Rückmeldungen derzeit noch für mich sind. Ich habe das mit meiner Freundin besprochen und sie gab mir dieselbe Rückmeldung, wie du Walter, betreffend meines Zustandes. Allerdings ist ein "Schritt der Erkenntnis" nichts ohne dem nächsten Folgenden Schritt:

 

2. Die Annahme

Ohne Annahme, dass man da in ein Problem schlittert geht es nicht!! Jeder noch so gut gemeinte Rat ist sinnlos, wenn er nicht ankommt. Deswegen muss man sich

a) bewusst machen, dass man  zu einen solchen Krankheitswert neigt und
b) akzeptieren, dass andere dies vielleicht schneller sehen als man selber. Fehlende Krankheitseinsicht ist für mich der häufigste Grund für Abstürze vor meiner Diagnose!

 

3. Die Interventionen

a) „Netzwerk“ Sicherung entsteht bei mir zum großen Teil auch von Außen. Hier sind folgende Dinge für mich gefragt:

 

b) „Ruhe und Zeit“ nehmen, sich „bewusst zurücklehnen“ und Dinge tun, die einen gut tun. (wie diese Email schreiben) Ich habe mich heute einfach mal krankgemeldet. Mir meinen Rechner, meinen Fernseher und eine Schüssel mit Essen geschnappt und werde den Tag im Bettchen und mit DVDs verbringen! Vielleicht werde ich noch eine Runde Sporten gehen.

 

c) „Medikation“ Ich habe  mir heute -neben MPH- die doppelte Dosis schnell wirkender Antidepressiva angetan, mich  mit Reizhemmern versorgt und habe eine Runde am  Boxsack verbracht. Soweit ist mein körperliches und psychisches empfinden wieder stabil.

 

Liebste Grüße , Hyppe

 

 

Nachwort:

 

Ein Hyperfokus ist eine ebenfalls Ressource bei AD(H)S. Besonders die Begeisterungsfähigkeit und die Festgebissenheit des AD(H)S sind Potentiale die es auch in der Gesellschaft zu großen Nutzen bringen können. Hilfe von Außen, wie Coaching kann stabilisieren und Hyperfokussierungen in die richtige Richtung lenken. 

Die Vorteile des Hyperfokussierens gehören zu den Stärken und Ressourcen des ADD.