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Höllenfahrt


Sie verließen gemeinsam das italienische Restaurant an der Hauptstrasse ihrer Heimatstadt. Sie hatten sich vorgenommen, mal wieder einen schönen Abend zu verbringen, das gemeinsame Abendessen sollte ihn einläuten. Alex hatte ein Taxi bestellt, es sollte sie in den Club Royal bringen, dem Laden in Münster. Kathleen hatte sich einen Besuch dort schon vor einiger Zeit gewünscht, da ihre beste Freundin Claudia ihr immer wieder vom tollen Ambiente vorgeschwärmt hatte. Anders als in den meisten einfachen Discos war hier wirklich auf Hochwertigkeit und Stimmigkeit geachtet worden, das konnte man auch an den Preisen und den Gästen merken; überwiegend Menschen, die voll im Leben standen und sich nichts mehr beweisen mussten.

Sie freute sich darauf, sich selber mal ein Bild davon machen zu können. Sie ahnte noch nicht, dass es heute nicht mehr dazu kommen würde.

Martin hatte schon wieder eine Doppelschicht zu machen.

„Verdammte Scheiße“, dachte er.

„Wann werden Taxis endlich mit Fahrtenschreibern ausgestattet, damit endlich mal rauskommt, welche tickenden Zeitbomben auf den Straßen unterwegs sind. Und dann auch noch der  Bulli, kommt nicht aus’m Quark und fährt sich wie’ne Schüssel Linsen.“

 

Er hasste es, sich unter diesen Umständen auf den Verkehr konzentrieren zu müssen. Aber sein Boss hatte ihn mal wieder wissen lassen, dass mindestens 10 Leute scharf auf seinen Job sind; wenn er keinen Bock mehr hätte, könnte er gerne zu Hause bleiben.

Da er zu Hause zwei kleine Kinder und eine Frau sitzen hatte, hatte er sich natürlich wieder breitschlagen lassen. Er wusste jedoch genau, dass er das nicht mehr lange durchhalten würde.

Verwundert sah Alex auf, als er den Wagen um die Ecken biegen sah.

„Schau mal, Kathleen, der will eine Fußballmannschaft abholen. Kommt mit’nem Bulli für zwei Leute.“

„Vielleicht sollten wir noch bei einigen Freunden rum fahren und sie einladen, dann können wir uns die Fahrtkosten teilen“, lachte sie.

„Nein nein“, antwortete Alex. „Dieser Abend gehört uns.“

 

Der Wagen hielt genau vor ihnen. Der Fahrer ließ die Scheibe runter: „Haben sie ein Taxi zum Club Royal bestellt?“ „Ja“, antwortete Alex. Ihm waren die tiefen Augenringe sofort aufgefallen, trotz der angehenden Dunkelheit. Er öffnete die Schiebetür zu den hinteren Sitzreihen, sie wollten zusammen sitzen. Das würde er noch bereuen.

„Über Land oder über die Bahn?“, fragte Martin. Alex konnte im ersten Moment nichts mit der Frage anfangen, doch Kathleen hatte sofort verstanden.

„Über Land ist zwar kürzer, aber einfacher und schneller geht es doch über die Autobahn“, antwortete sie und sah lächelnd in Alex Richtung.

„Auf zehn Euro wird’s uns doch heute nicht ankommen, oder?“

„Alles, was du willst“, sagte er.

 

Der Fahrer legte den Gang ein und fuhr los. Alex hatte keine Lust, sich mit ihm zu beschäftigen, er hatte nicht das Gefühl, dass dem Fahrer nach Unterhaltung zumute war. Außerdem konnte er sich jetzt doch gut mit Kathleen über die geplante Hochzeit unterhalten, in zwei Monaten war es ja schon so weit, und er freute sich wirklich darauf.

Kathleen hatte den genervten und übermüdeten Blick des Fahrers im Rückspiegel gesehen, als der sich absicherte, dass niemand von hinten kam und er auf die Straße ziehen konnte. Sie war beunruhigt, wusste aber, dass sie nur 40 Minuten zum Club Royal brauchten. Solange würde er sicher noch durchhalten.

„Wollen wir uns eine Band für Abends leisten, oder lieber einen Alleinunterhalter?“ fragte Alex.

„Wo bist du denn jetzt?“ fragte Kathleen.

„Na, dreimal darfst du raten…welches große Ereignis steht uns den am 25.09. bevor, zu dem wir uns über Musik Gedanken machen müssen?“

„Achso, ja…ich war die letzten Tage so mit dem Kleid beschäftigt, dass ich an nichts anderes mehr gedacht habe.“

„Ja ja, so seid ihr“ lachte er.

 

Sie bogen gerade auf die Autobahn. Irgendwie hatte Martin ein seltsames Gefühl. Er konnte nicht sagen, ob der mangelnde Schlaf daran Schuld war oder die Tatsache, dass seine letzte Mahlzeit schon 9 Stunden zurück lag. Er hatte wie immer versucht, die Müdigkeit mit Kaffee zu bekämpfen, gleichzeitig hatte die Flüssigkeit ihm zumindest ein gewisses Sättigungsgefühl vorgegaukelt. Aber jetzt schien der Akku wirklich dem Ende zuzugehen.

Er musste an sein Handy denken, welches in dieser Situation jetzt alle 10 Minuten piepen und die Meldung „Bitte Akku aufladen“ anzeigen würde. Und irgendwann würde es sich einfach ausschalten. Er sah in den Rückspiegel, fest davon überzeugt, auf seiner Stirn die Meldung „Bitte Akku aufladen“ zu finden.

Auch Alex war dieser Blick in den Rückspiegel nicht entgangen. Und er war entsetzt. „Ich glaube, der Fahrer bricht gleich zusammen“, flüsterte er in Kathleens Richtung.

„Ich hab’s gesehen“, antwortete sie.

„Zum Glück sind es nur noch drei Abfahrten. Das wird er hoffentlich schaffen.“

„Dein Wort in Gottes Ohr."

 

Sie kamen gut voran, die Straße war relativ leer. Kurz vor der Abfahrt, über die sie die Autobahn hätten verlassen müssen, spürte Martin plötzlich einen stechenden Schmerz in der linken Brust. Er öffnet vor Schreck weit seine Augen und sah auf. Er wollte schreien, doch durch den Druck im Brustkorb kam nichts außer ein leises Röcheln.

„He, hallo, wir müssen hier runter“, rief Alex nach vorne.

„Halllooo, Erde an Raumschiff, wir verpassen die Abfahrt!“ Doch der Fahrer reagierte nicht, im Gegenteil, sein Kopf fiel nach vorn, als wenn man den Faden am Marionettenkopf durchtrennt hätte.

 

Auch Kathleen konnte erkennen, dass der Fahrer, so wie er da saß nichts von der Straße sehen konnte. Sie saß direkt hinter ihm und konnte jetzt den Nacken des Mannes sehen, und der Kopf war in einem unnatürlichen Winkel nach vorne geneigt.

„Was ist los, was haben sie?“ fragte sie. Sie hatte sich nach vorne gebeugt, um den Fahrer ganz direkt anzusprechen.

„Ist ihnen nicht gut?“ Sie steckte die Hand zwischen den Kopfstützen durch, um den Fahrer an die Schulter zu greifen. Sie legte ihm die Hand auf die abgegriffene Lederjacke und bewegte sie einige Male vor und zurück. Keine Reaktion.

„Haaaalllloooo, guter Mann“, schrie Alex.

 

Kathleen schüttelte den Fahrer jetzt regelrecht durch, doch der bekam vom Ganzen nichts mehr mit. Er hatte immer noch den Fuß auf dem Gas und das Taxi fuhr unvermindert mit hoher Geschwindigkeit auf der Überholspur.

Beim letzten Ruck rutschte Kathleen die Lederjacke aus der Hand, und der Fahrer fiel mit dem Oberkörper auf das Lenkrad. Sie ergriff die Fahrerkopfstütze, und versuchte, über sie durch kräftige Bewegungen den Fahrer aufzuwecken.

„Haaaalllloooo, bitte, sie müssen aufwachen“, rief sie.

„Sie müssen den Wagen anhalten. Wir müssen hier raus.“ Sie war in Panik.

 

Auch Alex hielt es nicht mehr auf seinem Sitz. Er zwängte seinen Arm bis zur Schulte nach vorne, um den  Fahrer vom Lenkrad zu ziehen. Als er endlich die Lederjacke zu packen bekam, riss er den Oberkörper des Mannes nach hinten. Dieser schlug durch die Wucht mit dem Kopf gegen die Kopfstütze und fiel dann seitlich auf die Sitzbank. Leider war der Gasfuß nicht vom Pedal gerutscht, aber der Wagen hatte einen gefährlichen Schlenker gemacht, da der Fahrer eine Hand um das Lenkrad verkrampft hatte.

Sie touchierten die linke Leitplanke und Alex riss den Oberkörper des Fahrers geistesgegenwärtig wieder hoch, wodurch der Wagen wieder auf die Fahrbahn zurück kam. Auf die Art konnte er zumindest etwas lenken.

Alex versuchte, auch den anderen Arm zwischen den Kopfstützen durchzustecken, vielleicht konnte er ja irgendwie die Handbremse erreichen. Er war zwar nicht kräftig gebaut, aber das war aussichtslos.

„Versuch du es“, schrie er in Kathleens Richtung.

„Was, was soll ich versuchen?“ Sie war mit der Situation im Moment völlig überfordert.

„Die Handbremse, die Handbremse, versuch, sie zu erreichen.“ Jetzt hatte sie verstanden. Aber auch sie konnte sich nicht soweit durchzwängen.

„Du mußt irgendwie die Kopfstützen abmachen“, befahl Alex.

„Ich kann den Fahrer nicht loslassen, da ich das Fahrzeug so zumindest etwas kontrollieren kann!“

 

Kathleen stand jetzt vor der mittleren Kopfstütze, Alex kniete rechts neben ihr, mit Blick auf die Straße, und lenkte den Kleinbus, in dem er den Fahrer immer ein wenig vor oder zurück beugte.

Sie griff die mittlere Stütze, und versuchte, sie nach oben zu ziehen. Sie rührte sich nicht. Sie faste zwischen den beiden Metallstangen durch und riss an ihr mit einem Ruck. Nichts.

„Das gibt es doch nicht“, weinte sie.

„Dort unten, wo die Kopfstütze im Sitz steckt, ist vielleicht eine Verriegelung, sieh genau nach.“

 

Da er eine Möglichkeit gefunden hatte, das Taxi zu lenken, war die erste Panik etwas abgeklungen.

Sie waren immer noch mit 140 Sachen unterwegs, als Kathleen den Mechanismus der Kopfstützenverriegelung begriffen hatte. Sie drückte die beiden rausstehenden Plastikteilchen etwas zusammen und riss dann erneut an der Kopfstütze. Doch da diese jetzt keinen Widerstand mehr hatte, löste sie sich schneller als sie gedachte hatte, und flog ihr praktisch entgegen. Dadurch verlor sie das Gleichgewicht und stürzte auf Alex. Der hatte immer noch die Jacke des Fahrers in der Hand und durch die Wucht des Aufpralls von Kathleen zog der ganze Wagen schlagartig nach rechts.

Der Oberkörper des Fahrers pendelte heftig, aber zu Glück nur kurz. Und tatsächlich fing sich der aufschaukelnde Wagen wieder. Alex rappelte sich auf und ergriff den Fahrer erneut an der Jacke.

„Du musst nach vorne klettern und uns auf den Standstreifen bringen, ich passe hier nicht durch.“

Als sie endlich standen, wollte Alex die Polizei rufen. Er nahm sein Handy, und konnte gerade noch die Meldung „Bitte Akku aufladen“ lesen, als es sich abschaltete.

 

Meister Schredder 2008