Wenn einer eine Reise tut ...


 

 

Ein satirischer Exkurs durch Raum & Zeit

Ja, wie ist das, das Verreisen? Da gibt es so manche Arten, die bequeme, die unbequeme, die teure, die preiswerte, die bezahlte, die abgesparte.

Warum reisen wir? Im Auftrag, aus Interesse, besser als Langeweile und manchmal notgedrungen.

Wohin reisen wir? Am liebsten egal, der Weg ist das Ziel- keine Entscheidungen, kein wohin, kein woher- nur Bewegung, grundlos einfach so. Action, Unterhaltung.

Wer so eine Reise tut, der kann viel erzählen. Die Schwierigkeiten von Reisen beginnen meist lange vor der Abreise.

Wann soll die Reise beginnen, wann enden?
Wohin soll die Reise gehen?
Wer fährt mit?
Habe ich Flugangst?

Leichter ist es organisiert zu reisen. Ihr Chef oder weniger häufig ihre Chefin kündigt ihre Reise an, was dann?

Alles klar, der Rahmen ist gesteckt, die Transportmittel vorgeschrieben. Bleibt nur noch das Packen. Auch nicht so schwierig, die Kleiderordnung steht.

Danach geht es nur noch um die “don`ts“:

In China auf keinen Fall ...
Für Frankreich empfehlen wir ...
Bedenken Sie in Polen wird die Visitenkarte ...
Im Irak sollten nur Panzerfahrzeuge mit ...

Erfolgreich Reisen kann erlernt werden, ihr persönlicher Coach wartet schon.

Dennoch, auch beim organisierten Reisen liegt die Tücke im Detail, meinte zumindest der Manager, als er seinem persönlichen Spanischlehrer von seiner neuen Aufgabe in Brasilien berichtet hatte. Zum Glück  für den Spanischlehrer war der Intensivunterricht schon fast abgeschlossen, das Honorar bezahlt und der Manager war danach gewiss nicht dümmer. Alles in allem eine gelungene Win-Win Situation wie es so auf Neusprech heißt. Für Triple-Win hat`s leider nicht gereicht - daran arbeitet das Management noch. Das gibt auch einen Extra-Bonus.

Großer Beliebtheit erfreut sich die Reise ins Ich. Doch im Gegensatz zur Pauschalreise bestehen einige Risiken- so etwa die Reiseleitung. Hier hilft dann kein Gericht, die Rückreise ist bei Konkurs des Veranstalters nicht versichert. Gerichtliche Entschädigungen wegen Mängeln wie etwa des versprochenen Seeblicks (sich auf den Stuhl stellen und den Rasierspiegel nutzen, reicht zum Bedauern einiger Veranstalter leider nicht), des Apartments am Strand in ruhiger Lage sind bekannt.

Beim Reisen ins Selbst, auch bei erwiesenermaßen mangelndem Durchblick des Veranstalters, ist nichts zu erwarten, auch Herr Steinmeier fühlt sich nicht zuständig, ein Krisenstab wird nicht gebildet, leider. Ansonsten gönnt er ja jedem seinen wohlverdienten oder auch unverdienten Urlaub auf Kuba und bietet jetzt sogar bei Schließung der Ferienanlage- für den Veranstalter völlig kostenlos- die bewährte Hängematte in Deutschland an.

Also, davon können Reisende ins Ich nur träumen. Da hilft nur noch die Krankenkasse- zum Glück für jedermann jetzt gesetzlich vorgeschrieben. Aber Vorsicht, die Präparate des Anbieters „Ratiofarn“ könnten so ihre Tücken haben, wie die DB erst kürzlich feststellte. Auch hier können Fehler unterlaufen. Die Betroffenen haben aber Rechte.

So ist für einen optimalen Verbraucherschutz sichergestellt, dass der Reisende, um Schaden von ihm abzuwenden, keinen Zugang zu den Unterlagen erhält. Verantwortung wird groß geschrieben - im medizinisch industriellen Komplex. Und das alles ohne die übliche 25 %ige Mindestrendite.

Kongressveranstaltungen und Lobbyarbeit wurden als Haupt- Kostentreiber identifiziert, gefolgt von Werbung und Vertrieb. Zum Ausgleich sind die Forschungsbudgets nach Abzug der Patent- und Beratungsposten vergleichsweise preiswert. Nur leiden sie am bescheidenen Kosten- Nutzenverhältnis.

Eine Reise nach England, mal abseits der ausgetretenen Pfade, ins Herz des neuen Arbeitsmarktes 2.0 war noch vor Jahresfrist ein erhebendes Erlebnis. Die neuen Arbeitskräfte - hübsch anzusehen in ihren bunten Farben- waren emsig bei der Sache und vermehrten sich ständig zum Wohl aller Beteiligten- der Greenback noch Star der Szene mit nahezu unerschöpflichem Leistungspotential.

Jetzt nach dem Strike und Dienst nach Vorschrift sind nahezu 1/3 der Mitarbeiter ins Unbekannte abgewandert, die Arbeitswilligkeit der Verbliebenen lässt stark zu wünschen übrig, die Leuchtkraft ihrer Farben verblasst täglich ein wenig mehr, trotz  unermüdlicher Bemühung New Labours diese soziale Katastrophe abzumildern.

Krisengewinnler ist das Beratungsgewerbe. Scheidung ist angesagt, seitdem die bunten Mitarbeiter die innere Kündigung ausgesprochen haben. Die, die Kindesglück im Focus haben, tun alles, menschliches Leid zu lindern und coachen Ehefrauen der Analysten und Investmentbanker, Freude am einfachen Leben zu finden, an ihre Kinder zu denken und die Scheidung zu vermeiden.

Es macht doch auch Freude  mit dem 3er BMW selbst zum Shopping zu fahren. Es ist doch höhere Gewalt, dass die bunten Mitarbeiter streiken und nicht Schuld des Ehemanns. Solidarität ist gefragt. Der Bentley mit Chauffeur ist halt nicht mehr drin- das Shopping-Budget musste leider von £ 3000,- / Tag auf £ 3000,- / Woche reduziert werden. Wirkliche Überzeugungskraft haben nur Tatsachen: Es betrifft doch alle. Das Leben kann hart sein. There is no escape.

Im Wettbewerb hierzu steht die Scheidungsindustrie. Gut geschmierte Lobbygruppen ringen um die Gunst der Politik. Unter Vermittlung des Wirtschaftsministeriums steht eine Kompromisslösung im Raum. Die Überwindung der derzeitigen Wachstumsschwäche ist Maßstab. Eine ausgewogene Lösung muss gefunden werden.

Fakt ist, der Beitrag zum Bruttosozialprodukt der Scheidungsindustrie ist einfach größer, andererseits die freie Berufswahl hat Tradition. Als ausgewogen wird die Angleichung des Coaching Honorars an die Gebührenordnung  der Rechtsanwälte favorisiert.

Die Anwaltskammer leistet  noch Widerstand. Aber zum Ausgleich ist jetzt ein angemessener Anteil am Mehrwertsteuer-Aufkommen für gut verdienende Scheidungsanwälte vorgesehen. Das weckt wiederum die Begehrlichkeit der Coaches.

 

Die Quadratur des Kreises scheint im Vereinigten Königreich zu gelingen. Die Bonuszahlungen der gestützten Banken werden limitiert und so Wachstumskräfte freigesetzt. Ein Vorschlag, der bei beiden Kontrahenten gut ankommt.

Die Mittel zum Ausgleich sozialer Härten werden dem Mehrwertsteuertopf entnommen. Auch Banker gehören nun zu den Anspruchsberechtigten. Alles in allem ausgewogen und sozial gerecht. Was können denn Banker dafür, dass ihre bunten Mitarbeiter so verblassen. Unter Einbeziehung aller Betroffenen ist eine Verhandlungslösung greifbar. Es wird nur noch um Prozentpunkte gestritten.

 

Zurück in Deutschland wird der angelsächsische Pragmatismus vermisst. Das drückt die Stimmung. Schwermütig wird erstmal unproduktive Ursachenforschung betrieben. Das könnte daran liegen, dass die High-Potentials vor Jahren schon nach England, USA und in die asiatischen  Zentren abgewandert sind.

Leider verhallte in Deutschland der Ruf der verbliebenen Experten nach Vitalzentren für die bunten Mitarbeiter, wie sie  beispielhaft  auf den Kanalinseln oder in der Karibik anzutreffen sind, ungehört- mit allen negativen Konsequenzen. So ist etwa mit einem Aufschwung der Beratungsindustrie wie im Vereinigten Königreich nicht zu rechnen.

 

Trotz der deutschen Expertise in Vergangenheitsbewältigung, man denke etwa an die Entnazifizierung, die Birtlerbehörde oder in jüngerer Zeit an die brutalstmögliche Aufklärung einer Parteispendenaffäre, scheint Deutschland nicht recht an die eigenen Fähigkeiten zu glauben. Wie aus der Geschichte bekannt, muss ein Sündenbock her - der Banker.

Vollkommen ungerechtfertigt, denn leistungsunwillge Arbeitnehmer des Arbeitsmarktes 1.0 haben die Arbeitgeber der bunt bedruckten Scheinchen getäuscht. In der irrigen Annahme, ihre Schuld durch eigene Arbeit abtragen zu können, Hypotheken aufgenommen, wo doch seit Ende der kommunistischen Diktaturen klar ist, dass mit Blut, Schweiß und Tränen auch im goldenen Westen keine Werte für die Schaffenden geschaffen werden können.  

Professor Unsinn, einer der bekanntesten noch in Deutschland verbliebenen Wirtschaftsexperten, hat dann sinnigerweise die Stigmatisierung der Banker mit der Judenverfolgung des 1000jährigen Reiches gleichgesetzt- und - bei den hiesig verkrusteten Strukturen- wen wundert`s-  nur Kopfschütteln geerntet.

Andererseits hat schon ein Umdenken stattgefunden. Verdiente öffentlichrechtliche wie auch private Banker haben im Süden der Republik erst für großvolumige Injektionen von frischen, leuchtend Bunten und hoch motivierten Mitarbeitern gesorgt, um dann jüngeren Kollegen auch mal eine Chance zu geben.

Besonders hervorgetan hat sich ein öffentlich Bediensteter. In guter christlich sozialer Tradition hat er sich aus Deutschland zurückgezogen; den heimischen Arbeitsmarkt entlastend, sogleich flexibel und einsatzwillig einen neuen, schweißtreibenden Job im Reinigungsgewerbe gefunden. Auf Zypern die Sonne putzen.

Bei soviel sozialer Kompetenz und Verantwortung fehlen selbst Münte die Worte, er hätte es sicher kaum besser machen können. Und alles ohne staatliche Leistungen in Anspruch zu nehmen. Dass hier Leistungsboni bei laufenden Bezügen gerechtfertigt sind, ist doch sonnenklar.

Es gibt positives aber wer ein Land bereist, wird auch mit unschönen Dingen konfrontiert. Da ist die depressive Stimmung unter einigen Leistungsträgern. Sie haben sich um das Land verdient gemacht und stehen schuldlos am persönlichen Abgrund. Hier kommt es bekanntlich auf die Haltung an, aber so ohne Hilfestellung ist so mancher überfordert. Münte hat die Problematik erkannt, die soziale Katastrophe, die Ungerechtigkeit. Einige Verzweifelungstaten hat es schon gegeben.

Trotz seines bekannten rhetorischen Geschicks ist wegen der bösen Linken, diesen national sozialen Populisten,  kein Hilfsprogramm vermittelbar. Auch Clement steht ihm zum Trost nicht mehr zur Verfügung- zu verwinkelt. Andererseits ist er froh, Diät zu leben.

Letztendlich hat sich - gut beraten „Wir müssen eine gemeinsame Lösung finden“- eine Selbsthilfegruppe gefunden, Netzwerker eben. Da gibt es drei Untergruppen. Die gering Qualifizierten verarmten, die hoch Qualifizierten und die depressiven mit noch genügend bunten Mitarbeitern. Man kennt sich, jedem kann geholfen werden. Das Konzept steht, die Finanzierung ein Selbstläufer, sozusagen ppp- public private partnership.

Den gering Qualifizierten wird beim Hartz IV Antrag Hilfestellung gewährt. Den Depressiven mit  den vielen bunten Mitarbeitern, die jetzt zum Beispiel ihren Lear Jet einmotten mussten und Linie fliegen müssen, buchen je nach Bedarf tage-, wochen- oder gar monatsweise „Leben mit Hartz IV“ bis die Lebensfreude zurückkehrt, der 1. Klasse Flug erträglich wird. Ihr Gebührenaufkommen wiederum finanziert die Selbsthilfe. Die Hartz IV ler dürfen auch mal mit auf Party. Selbsthilfe auf Gegenseitigkeit sozusagen.

Der Businessplan legt ein besonderes Augenmerk auf die hoch Qualifizierten, ohne deren Mitarbeit das Finanzkonzept nicht aufgehen kann. Wer sonst könnte beim Ausfüllen der Formulare helfen? Aber gerade dieser Personenkreis ist am stärksten belastet.

Ohne ausgebildete Psychologen und Therapeuten wird man hier nicht recht weiterkommen. Sie müssen lernen, dass Arbeit Spaß macht - soviel Spaß, das es einsichtig wird, eine höhere Steuerquote zu haben, als noch zu Jetset Zeiten - machbar sagen ehemalige CIA-Berater. Aber die Angst vor Altersarmut ist stets präsent mit zu erwartend negativem Einfluss auf die Motivation.

Die Riester Altersvorsorge ist ohne Brain-Wash nicht vermittelbar. Diese Personengruppe kann sich nur zu gut- wenn auch wehmütig- an die Gute Alte Zeit erinnern, an das satte Provisionsaufkommen ihrer Finanzbeteiligungen, an die Sicherheit der Kapitalanlage. Da wird dann wohl ein Extra-Obulus fällig, ab und an auf Party wird nicht reichen.

Die Not ist groß. Reisende berichteten, in der Mark Brandenburg, in einem abgelegenen Waldhotel mit besonders großem Hinterzimmer, eine parteiübergreifende Arbeitsgruppe samt Spitzen und Sicherheitsdienst gesehen zu haben. Pressevertreter waren nicht zu gegen. Ein versehentlich verlorenes Strategiepapier berichtet von der großen Sorge, die alle Gremien erfasst hat.

Der Arbeitsmarkt 1.0, der mit dem Blut, Schweiß und Tränen, war Anlass für diese Dringlichkeitssitzung. Da sollen doch zusätzlich 8% dieser höchst produktiven Mitarbeiter des Arbeitsmarktes 2.0, trotz Reformstau und Überregulierung in das unproduktive Segment 1.0 gespült werden.

Dem einen fällt dazu nur noch Bundeswehr ein, andere erinnern sich an ihre soziale Kompetenz und haben das Problem genauestens analysiert. Reformstau und Überregulierung werden sich so schnell nicht auflösen lassen. Die High-Potentials sind weg. Clement bei der Zeitarbeit und in der Atomindustrie, Rürup und Riester in der Finanzindustrie, Prof. Unsinn in Davos.

Münte erinnert an die soziale Kompetenz seiner Traditionspartei. Es ist doch klar. Die vor kurzem noch so aktiven und leistungswillig farbenfrohen Mitarbeiter haben sich in toxische Papiere verwandelt. Der Rettungsschirm war bisher nur wenig hilfreich, aber das völlige Verschwinden der bunten Kräfte konnte aufgehalten werden. Strengere Arbeitsschutzmaßnahmen müssen her. Die Papiere waren falsch gelagert und wurden schlecht. [ allgemeine Zustimmung vermerkt das Protokoll ]

 

Der Markt für Distressed Assets ist zusammengebrochen, die gibt es praktisch nicht mehr.

[ Zwischenfrage: Was ist das? Antwort Münte: „Eine Beteiligung, die ohne Stress steuerbegünstigt sicher satte Gewinne abwirft.“ Tumult im Hinterzimmer berichtet das Protokoll, Zwischenrufe: „Wo gibt es denn so was?“ Frau Ulla Schmidt: „Bei mir, im Ministerium, in der Partei. Egal was rauskommt die Rendite stimmt doch, auch wenn mal abgewählt wird, oder haben Sie etwa andere Erfahrungen verehrte Kolleginnen und Kollegen? 1789, das war mal.“] ...

 

Das mit dem Krisengerede muss aufhören. Das ist den Menschen nicht mehr zumutbar. Im Gedenken an die Rauchverbotsdebatte müssen Themen her, die wirklich interessieren. Der Vorschlag Ulla Schmidts für eine bürgernahe Politik, also für  70 jährige die Fahrerlaubnis in Frage zu stellen,  fand überparteilich breite Zustimmung, das Thema des Wahljahres 2009.

 

Weiterführende Links:

Piet Klocke Finanzkrise - neues aus der Anstalt

Erwing Pelzig - Finanzkrise