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„Dinge und Menschen. Ein Versuch mit und gegen meine Kindheit“


Eine der ersten Erinnerungen:

Ich sitze im Kinderwagen, er ist grün und rot. Mama schiebt mich aus der Siedlung heraus,an der Kaserne vorbei auf den Fußgängerweg neben der Panzerstraße, die so genannt wurde, weil die Panzer auf ihr in und aus der Kaserne fuhren. Ein dunkler grobkörniger Straßenbelag, unebene Fläche. Links sehe ich ein sehr großes helles Gebäude mit roter Schrift, kein normales Wohnhaus. Auf der anderen Seite stehen viele Menschen neben einem gelben Schild. Hier ist der Bürgersteig rot gepflastert. Die Formen und Farben, die ich aus meinem Kinderwagen heraus wahrnehme, werden zu einem Supermarkt und einer Bushaltestelle.

 

Abenddämmerung:

Ich bin alleine draußen. Alle anderen Kinder sind schon ins Haus gegangen, ich habe keine Lust. Ich will barfuß über die grauen Gehwegplatten zwischen den Häusern laufen, die so schön warm sind. Schon ziehe ich Schuhe, Socken und meine langen Hose aus. Nur mit einer weißen Unterhose, mit Blümchen und lila eingefaßt, renne ich um unser großes Mietshaus. Dann kommt Mama und schimpft: „Du kannst doch nicht im September halb nackt draußen herumlaufen! Komm jetzt sofort rein!“

 

Der Lutscher:

Wir wollen ins Offizierscasino. Dort gibt es einen tollen Spielplatz, aber er ist nur für die Kinder von Offizieren. Petra ist auch dabei, aber eigentlich mögen wir sie nicht, ich weiß nicht warum. Simone, Nicole und ihre kleine Schwester, Christine, Simones beste Freundin und Thomas und Stefan. Ich bin die jüngste und Stefan ist mein bester Freund in der Siedlung.

Von irgend jemandem haben wir bunte Lutscher bekommen, grün-rot-gelb. Wir müssen unter einem roten, angerosteten Tor herkriechen, um zum Spielplatz zu kommen. Da fällt mir mein Lutscher aus dem Mund und landet auf der Erde.

 

Das Katzenbett:

Simone hat ein weißes Puppenbett mit blauer Elefantenbettwäsche. Papa hat es mit Opa zusammen für sie gebaut. Wenn nicht gerade Puppen darin schlafen, macht es sich Minou, unsere Katze darin gemütlich. Ich finde das Bett toll, sitze oft darin- bis es durch kracht. Simone ist sehr böse auf mich, fühlt sich ungerecht behandelt, da ich inzwischen zu Weihnachten auch ein Puppenbett bekommen habe und es prompt mit Wachsmalstiften verziert habe. Mein Bett ist aber nicht weiß und die Elefantenbettwäsche ist rot. Und unsere Katze liegt auch nicht darin.

 

Die kleine Gruppe:

Ich will auch in den Kindergarten! Du bist noch zu klein! Aber zu Hause ist es langweilig, wenn alle anderen Kinder nicht da sind. Endlich komme ich in den Kindergarten. Er liegt links am Ende der Bundewehrsiedlung neben dem kleinen Edeka-Laden. Simone, die Große ist in der großen Gruppe, ich in der kleinen. Sarah ist meine Kindergartenfreundin. Wir haben beide lange Zöpfe mit Kugelgummis, Sarah in Orange, ich in Blau.Wir singen: „Niemand ist größer als unser Herr und Gott“ und steigen auf die Stühle um uns zu strecken und ganz groß zu werden. Singen ist toll, draußen spielen, wann man will, auch.

Einmal im Jahr ist Fasching. Das finde ich komisch: Ich liebe es, mich zu verkleiden, aber im Kindergarten zu warten, bis das Prinzenpaar kommt und auf dem Fußboden sitzend Kinderbowle mit Ananasstückchen zu trinken, finde ich doof. Außerdem mag ich keine Ananas.

 

Unser Zimmer:

Ich habe mit meiner Schwester zusammen ein Zimmer. Es ist sehr groß. Mein rotes Kinderbett, erst noch ein Gitterbett, dann zu einem gewöhnlichen Bett umgebaut, steht wie der obere Strich eines T zu dem großen Holzbett meiner Schwester. Wenn ich nachts nicht schlafen kann, robbe ich in meinem Schlafsack zu Simone und kuschele mich an sie. Simone möchte aber lieber alleine schlafen.

Sie mag es auch nicht, wenn ich überall mein Spielzeug liegen lasse, genau wie meine Eltern. Sie sind häufig böse, wenn ich nicht aufräumen will. Manchmal schlagen sie mich mit einem Kleiderbügel oder einem Kochlöffel. Ich fühle Angst und Wut gleichzeitig. Ich kann nichts dagegen tun, weil sie stärker sind als sich. Scheinbar glauben sie, mich für etwas Schlimmes bestrafen zu müssen, aber ich kann nicht erkennen, wie schlimm Unordnung für sie ist.

Für mich ist es normal, daß alles bunt durcheinander liegt, so hat man alles zum Spielen griffbereit. Dennoch entwickele ich ein Schuldbewußtsein oder der Automatismus, nicht aufzuräumen und die Konsequenz der Bestrafung führen zu etwas Ähnlichem. Ordentlicher werde ich dennoch nicht, ich kann es einfach nicht.

 

Mein eigenes Zimmer:

Kurz vor meinem 5. Geburtstag ziehen wir um. Papa habe ich in letzter Zeit selten gesehen, weil er angefangen hat im Ruhrgebiet zu studieren. Ihn und Opa und Oma sehe ich jetzt häufiger. Im Januar waren wir schon einmal dort, um uns Wohnungen anzusehen. Diese Wohnung hat mir gefallen, weil dort viele Kinder in der Nachbarschaft wohnen und ich mein eigenes Zimmer bekomme.

Als wir dort ankommen, ist schon alles fertig: In meinem Kinderzimmer stehen Möbel die ich kenne. Das Jugendzimmer meines Onkels Jörg wurde mit kleinen Varianten dorthin verpflanzt. So fällt es mir leicht, mich schnell zu Hause zu fühlen und Kontakt zu den anderen Kindern zu finden. Mein Geburtstag nur einen Monat später ist schon ein großer Kindergeburtstag.

 

Mal wieder Aufräumen:

Der Dauerkampf geht unvermindert weiter. Meine Eltern erweitern ihr erzieherisches Repertoire um Hausarrest. Das ist schwer für mich, nicht rausgehen zu dürfen um zu spielen und zu toben. Mein Zimmer ist ein Schlachtfeld. Der ganze Fußboden ist bedeckt mit Sachen, von denen ich aber nie sagen kann, wie sie so schnell dorthin gekommen sind. Ich versuche aufzuräumen, auch weil mir von meiner Mutter angedroht worden ist, ansonsten alles in blaue Müllsäcke zu verpacken und aus dem Fenster zu werfen. Die Tür zum Flur muß offen stehen bleiben.

Ich sitze inmitten meines äußerlichen Chaos und versuche ihm Herr zu werden. Mein Kopf weiß aber nicht, wie man etwas ordnet. Ich fange mit irgendwelchem Kleinkram an, so daß der Teppich noch lange unsichtbar bleibt. Da finde ich ein Buch, daß ich schon einmal gelesen habe und blättere darin herum. Schon bin ich in der Geschichte abgetaucht…
bis Papa nach Hause kommt und ausrastet.

 

Eins plus eins gleich drei:

Mein Bleistift bohrt sich in Frau Köhlers Po. Sie soll mir beim Rechnen helfen und zwar jetzt gleich. Ich kann nicht schnell genug Kopfrechnen und nicht schriftlich dividieren mit diesem komischen ZahlenunterdieAufgabeGeschreibe. Das Einmaleins klappt nur nach langem Üben mit Mama und bunten Zetteln, aber nur bis 10. Wie man vom Text der Sachaufgabe zum Rechnen kommt, ist mir unklar, also ist Matheförderunterricht nach der Schule angesagt. Da müssen die Dummen nachsitzen und Memory spielen. Mir besser merken, wie man rechnet, kann ich trotzdem nicht. Mathenote in der vierten Klasse: Vier, ebenso wie Schönschreiben.

 

Aus meinen Zeugnissen:

„Anna hatte am Anfang Schwierigkeiten, sich über einen längeren Zeitraum zu konzentrieren, und es gelang ihr oft nicht, ihre Unlust zu überwinden. Aber schon nach wenigen Monaten fing sie an, verbissen zu üben, wenn ihr etwas nicht gelang. Sie arbeitete dann ausdauernd und völlig konzentriert. Sie muß nur noch lernen, etwas schneller zu arbeiten. Anna zeigte ein gutes Gedächtnis. Sie schreibt jetzt flüssiger als anfangs, macht aber beim Abschreiben zu viele Fehler.“ (Klasse 1)

„Anna arbeitete nicht mehr so sorgfältig wie früher und folgte dem Unterricht weniger aufmerksam. Das wirkte sich nach und nach auf ihre Leistungen aus.“ (Klasse 3)

„Annas Interessen und Begabungen liegen mehr im sprachlichen Bereich. Ihrer Aufsätze zeigten viel Phantasie und waren klar und zielgerichtet aufgebaut. Sie verfügt über einen umfangreichen Wortschatz. In Mathematik brauchte sie etwas Zeit und Hilfe. Fehler kamen häufig nicht durch mangelndes Verstehen, sondern durch fehlende Ordnung zustande.“ (Klasse 4)

 

Weltuntergang:

Sommer in einem Dorf in Hessen. Ich besuche meine Tante Lisa und meine beiden Cousins. Alex, Lisas Mann ist seltsam abwesend. Im Flur der Wohnung hängt ein Geldspielautomat, dessen Licht- und Tonfolgen mich faszinieren. Er gehört zu der Welt der Erwachsenen, ist nicht für mich gedacht. Auf dem Plattenspieler dreht sich eine Schallplatte: „Turaluraluralu, ich mach bubu, was machst du?“ Meine Cousins haben ein großes Zimmer, Tabakkrümel als einzige Spuren ihres Vaters überall.

Im Radio höre ich, was passiert, wenn die Sonne einmal nicht mehr scheint, inklusive voraussichtlichem Eintreten der Katastrophe. Mit der großen Zahl verbinde ich nichts, ich habe Angst, daß ich miterlebe, wie alles stirbt, alles was ich liebe, nicht mehr ist. Es wird kalt sein. Ich kann nicht schlafen und laufe weinend zu meiner Tante, damit sie mich tröstet.

 

Bessi, mein Pferd:

Ich habe ein Pferd, auf dem ich jeden Morgen, über grasbewachsene Straßen, zur Schule reite. Meine Stute ist ein großes, schweres Kaltblut, ein Falbe und heißt Bessi. Sie trägt mich und hört mir zu. Leider sehe nur ich sie.

 

Unser Garten:

Wir wohnen zur Miete. Alle anderen haben ein Haus und einen Garten. In der Nähe des Alten Sportplatzes, auf der anderen Seite der Bahnschienen befinden sich einige Gärten, bepflanzt mit Gemüse, Blumen und einer Wiese zum Spielen oder um ein Pferd dort weiden zu lassen. Ideal für uns; wir müßten nur die Besitzer fragen, ob wir einen der Gärten mieten können. Begeistert erzähle ich Kristin davon, deren Mutter sofort meine Mutter darauf anspricht, wie toll es doch sei, daß wir jetzt auch einen Garten hätten. Mama teilt meine Freude nicht.

 

Tod im Maisfeld:

Drei sind eine zuviel. Steffi, Sabine und ich spielen Verstecken in einem Maisfeld. Kaum treffen wir in dieser Konstellation aufeinander, sind nur noch die beiden miteinander befreundet, und ich der Störfaktor, der zudem noch ein williges Opfer darstellt. Es ist Frühsommer, Schulferien und der Futtermais steht hoch, 2 Meter Floraverbergung für drei neunjährige Mädchen. Wir stehen inmitten dieses Waldes aus Mais und betrachten die Früchte: Die Maiskolben sind noch etwas klein und grün, sehen aber genießbar aus.

Steffi fordert mich zum Probieren auf. Kaum beiße ich hinein, sagt sie: „ Du mußt jetzt sterben! Der Mais ist giftig und morgen bist du tot. Deine Mutter kann schon mal einen Grabstein für dich bestellen.“ Sie rennen weg und ich bleibe allein zurück, den sicheren Tod vor Augen fange ich an zu weinen.

Langsam gehe ich zurück, um Sabine und Steffi zu suchen. Sie sind weg, nur Illi, der Hund, sieht meine Tränen. Ich klingele an der Haustür und Steffis Mutter öffnet, sieht meinen desolaten Zustand fragt, was passiert sei. Sie lacht mich aus.

 

Abschied:

Papa muß zu einer Wehrübung. Wir werden ihn vier Wochen nicht sehen. Ein letztes gemeinsames Frühstück bevor er in den gespielten Krieg muß. Ich sitze meinem Vater schräg gegenüber, neben Mama. Ich muß zur Schule und Papa bittet mich, noch einmal zu ihm zu kommen, damit er mich in den Arm nehmen kann.  Da fragt er mich, ob ich ihn liebhabe. In mir zieht sich alles zusammen.

Natürlich liebe ich meinen Vater, aber ich habe auch Angst, Angst vor seiner unberechenbaren Art, die auch bei mir immer mehr durchkommt und die ich zu unterdrücken versuche, und die ganz konkrete Angst, daß er sich selbst zugrunde richtet durch seine Sucht und sterben könnte wie Opa, der vor kurzem an Lungenkrebs gestorben ist.

 

Ich sage: „Du rauchst, da kann ich dich nicht lieben.“ Papa fängt an zu weinen, sehr still in sich hinein, Mama nimmt ihre Brille ab, sie weint auch, lauter, sagt: „Wie kannst du so etwas zu deinem Vater sagen, ich verstehe das nicht.“ Ich stehe stumm neben dem Küchentisch, die Tränen laufen.

 

Anna, im Mai 2008.