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Ein Brief - an einen Schüler


Lieber Olli, vor einigen Tagen hast du einige Zeilen vorgelesen, die du in der Schule zur Abwehr der Langeweile geschrieben hast. Du hast dir Frage gestellt, was dein verworrenes Leben bisher für einen Sinn in Zukunft ergibt. Und, wer Du selbst bist. Spielerei, klar, und doch nicht ohne ernsten Hintergrund.

In deinem Alter habe ich mir mit meinem (unerkannten) ADS ähnliche Fragen gestellt. Ich bin seinerzeit zu keiner verwertbaren Antwort gekommen. Aus reiner Hilflosigkeit habe ich das gemacht, was mir meine Eltern vorgelebt haben. Familie, Beruf, ein wenig Kirche. Eine Zeit lang hat mich der Beruf ausgefüllt, die Familie tut es noch.

 

Irgendwann ist der komplette Zusammenbruch gekommen. Und wieder stellten sich die Fragen: Wer bin ich? Was kann ich? Wofür bin ich? Die letzte Frage, die Sinnfrage war die Wichtigste. Ich habe die Fährte aufgenommen und laufe seit Jahren auf der Spur. Invalide, wie ich seither bin, musste ich mir diesen „Luxus“ leisten um den Umbruch zu überstehen.

Das Stellen weiterführender Fragen hat meinen Alltag in den letzten Jahren also ausgefüllt.

Ich habe zunächst gefragt:

Wer ist noch so wie ich? Was ist an diesen Leuten typisch? Was bin ich selbst? Was ist AD(H)S? Warum habe ich kein Talent zum Glück? Jetzt, Jahre später komme ich langsam in die Lage mich selbst hier und da zu finden. Ich erschrecke mich nach wie vor fast täglich darüber, wie groß der Anteil AD(H)S ist. Bisher gebiert jede Antwort ein Dutzend neuer Fragen. Ob Fragen stellen der Sinn meiner Arbeit ist? Ich glaube ja.

So viel von mir, nun zu dir.

 

Ich fasse das von dir Vorgetragene kurz zusammen. Dann können wir unser anschließendes Gespräch kurz rekapitulieren und uns mit einigen Schlussfolgerungen vertraut machen. Du hast von häufigen Wohnortwechseln durch das chaotische Leben Deiner Mutter geredet.

Immer wieder bist du mit neuen Familien konfrontiert worden und ein Meister darin geworden „Schwache Menschen zu beeinflussen“. Weil Du einem deiner Stiefväter zeitweise im Betrieb zur Hand gegangen bist, hast du eine Reihe handwerklicher Fähigkeiten erworben. Am Computer bist du fit wie Wenige. Eine kriminelle Karriere hättest du fast begonnen, dann aber als sinnlos zu den Akten gelegt. In einem Computerspiel bist du zur Meisterschaft gelangt, Nr. 60 im weltweiten Top Score. Besonders verwundert bist du darüber, was dir andere Menschen alles zutrauen.

Du hast festgestellt, dass dich andere Menschen oft positiv beurteilen. Aber du findest dich in dem, wie andere dich sehen nicht wieder. Schlimm für dich, sagst du. Schlimmer noch findest du deine mangelnde Fähigkeit sich dauerhaft freuen zu können. Wenn ein Klassenkamerad berichtet, bei einer guten Note sei der ganze Tag gerettet, so liegt das weit außerhalb deines Vorstellungsvermögens.

Dann war die Rede davon, dass du keine Zufriedenheit findest, von Glück ganz zu schweigen. Nun, wo du eine neue Heimat in einer funktionierenden Familie gefunden hast bist du dafür zwar „unendlich dankbar“ aber fühlst dich erstaunlicherweise unglücklich. Nicht nur das. Die Familienroutine sorgt für geradezu quälende Langeweile. Ich hoffe, ich habe das gut zusammengefasst.

 

Immer wieder tauchte die Frage auf, was du kannst und was das für einen Sinn hat. Nun bist du ein helles Köpfchen mit einer guten Auffassungsgabe. Dann kannst du auch sehr gut logisch denken. Um dich nicht zu langweilen habe ich dir wie aus der Pistole geschossen Antworten gegeben, deren jede bei normalen Leuten eine oder mehrere Stunden Ausarbeitung gekostet hätten. War anstrengend, oder?

Normal bist du wirklich nicht und das ist gut so. Ich habe keinen blassen Schimmer, für welche Lebensaufgaben du geschaffen bist. Ich fühle aber deutlich, dass es welche sind, die deine Gaben fordern werden –und jede Menge Rüstzeug dazu. Dein Leben wird am Ende einen Sinn gehabt haben und mit hoher Wahrscheinlichkeit für andere Menschen ein Segen gewesen sein. Ob mit 18 Jahren? Mit 40? Mit 60? Als Greis? Oft sieht man so etwas erst  im Rückblick. Was ist dafür zu tun? Am Leben bleiben erst mal! Das reicht aber nicht. Übrigens hat Winston Churchill genau wie du gemeint, er müsse sich im Leben beeilen, es werde kurz sein.

Dann ist er über 90 Jahre geworden. Wenn ich soeben in seiner Biographie blättere, ich glaube ihr seit euch auch an anderen Stellen ähnlich.

Damit sind wir schon beim nächsten Teil angelangt. Ich habe versucht mit Hilfe meines Wissens über AD(H)S eine Bestandsaufnahme zu machen und in Kurzform zu vermitteln. Stärken und Schwächen finden sind der erste Teil. Fördern hier und unterstützen dort sind danach notwendig, wenn du deinen Weg finden sollst. Dein Gefühl dafür nur wenig Zeit zu haben ist deutlich rüber gekommen.

 Für mich war das der Auftrag zu diesem Brief. Es war dir sichtlich unangenehm so kurz, knapp und treffend beurteilt zu werden. Das hatte ja wirklich etwas vom kalten Stahl eines Seziermessers an sich. Ein wenig wirst du mich dafür hassen, das konnte ich spüren. Unheimlich war es dir zudem.

Zur Sache!

 

Du hast immer wieder davon gesprochen, dass du zu diesem und jenem in der Lage bist. Du hast betont, was andere von deinen Fähigkeiten halten und dass du diese gering schätzt. Es war nicht die Rede davon, wer du bist. Ganz offensichtlich - und für Leute mit AD(H)S typisch — verfügst du über kein Bild von dir selbst. Dir fehlt es am Bewusstsein deiner selbst. Ich rechne damit, dass es erst in einigen Jahren kommen wird. Bei mir hat das bis in das dritte Lebensjahrzehnt gedauert und ist immer noch gering entwickelt.

Mangels Selbstbild bist du auf die Rückmeldungen anderer Menschen angewiesen. Darum bist du auch in einem so hohen Maße sensibel für deine Mitmenschen. Du bist auf sie Zurückgeworfen um auch nur eine schmale Basis der Selbststeuerung zu haben. Da gibt es einige Tücken.

 

Fallstrick 1: Der Selbst-Blindheit gegenüber steht deine hervorragende Beurteilungsfähigkeit für Andere. Um den Finger kannst du damit fast jeden wickeln - nur das macht dich nicht froh. Du verlierst dabei den Respekt vor deinen „schwachen“ Mitmenschen und mehr noch vor dir selbst. Das quält wie Juckreiz, war herauszuhören. Positiv genutzt und in den Dienst einer guten Sache ist dein Charisma eine enorm wertvolle Gabe.

So kannst du den „Juck“ loswerden. Das Problem ist, du benötigst eine gute Herzens- und Geistesbildung um herausfinden zu können, was eine gute Sache ist. Die Schule und dein Bildungshunger tragen zum einen bei, Freundeskreis und Familie zum anderen. Deine Mutter und vermutlich auch deine Ziehväter haben da eine gute Basis gelegt.

 

Fallstrick 2: Fast überall bewegen wir uns in Sozialsystemen, in denen wenig danach gefragt wird, wer einer ist. Alle wollen etwas von dir, und was? Leistungen! Reichlich verpeilt. Das ist in der Schule so, das ist auch sonst oft so. Logischerweise bekommst du gar nicht die Rückmeldung, die du benötigst um dich mit dir selbst vertraut zu machen. Du hörst nur selten, wo du als Mensch stehst. Was du hörst ist: Kannst du gut - kannst du schlecht, bist begabt — bist unbegabt, gut gemacht - schlecht gemacht. Tatsächlich hattest du ausschließlich solche Bewertungen übernommen.

Du hast sie gering geschätzt, auch die, bei denen du gut weg kamst. Zu Recht, so was bringt dich nicht weiter. Nur, warum machst du dich selbst runter dabei? Was ist zu tun? Sich in Kreisen bewegen, in denen deine Person und nicht deine Leistung gespiegelt wird. Das geschieht in manchen Familien und in einigen Freundeskreisen.

Da bist du auf der richtigen Straße. Du hast super Freunde! Der Weg zu dir selbst wird mit passenden Menschen lang sein. Ohne diese gehst du ihn nie.

 

Fallstrick 3: Du benötigst, wie fast alle deiner Art, beständige und rasche Rückmeldung in alltäglichen Situationen. Mangels Selbstbild bist du darauf angewiesen um deine Steuerungsfähigkeit zu behalten. Das wird aus falsch verstandener Höflichkeit von den meisten Leuten vermieden. Auch deine Planungsinsuffizienz und Schusseligkeit schreien danach.

Deine gefährlichen Abstürze in den letzten Jahren beruhen vermutlich auf dem Mangel an ständiger kurzer Ansprache. An mangelnder Liebe hat es sicher nicht gelegen. Die Hilfestellungen können im Ton gerne kurz und deutlich sein, weil dann weniger zeitraubend.

Erinnerung und Rückmeldung ist dabei weniger Einflussnahme, Erziehung oder Druck, als vielmehr tägliche Hilfestellung an einer wichtigen Stelle. So eine Art Prothese ist das. Damit laufen zu lernen ist mühsam aber immer noch besser als durch den Dreck zu robben. Klar, das ist ein Geschäft auf Gegenseitigkeit. Es kann dafür genügen, einfach da zu sein. Nicht deine Leistung ist gefragt, nein, deine Person. Das ist die wesentliche Seite der - von dir als langweilig empfundenen - Familienroutine.

 

Fallstrick 4: Du bist emotional instabil in hohem Ausmaß. Wenn man sich nicht einmal auf die eigenen Gefühle verlassen kann, auf was dann. In der Mitte ruhst du ohnehin nicht. Wie sollte man diese auch finden, mangels Selbstbeurteilung und mit heftigen Leidenschaften? Du benötigst andere Menschen um dich täglich neu auszubalancieren. Wer soll das aber tun, wenn du gerade abdrehst, ohne dich noch tiefer in den Strudel zu reißen. Du hast immer wieder Wohnorte und Freundeskreise gewechselt. Deine Eltern hatten stets andere Probleme.

Wer hätte die Ruhe und Routine aufbringen können, dich ernst zu nehmen? Dich als Person ernst nehmen bedeutet nicht, jeden Gefühlsexzess ganz wichtig zu nehmen! Immer wieder wirst du im Zorn wohlmeinende Leute verletzt haben und hättest dich dafür später stundenlang selbst ohrfeigen können, oder? Um diese Falle zu vermeiden ist der stinknormale Familienalltag ein gutes Mittel. Die besten Häuser werden immer noch langweilig Stein auf Stein gebaut. Nur die Ruhe, der Bau wird schon werden.

Ein Thema haben wir nun mehrmals gestreift. Das meint die Rastlosigkeit und die ständig wechselnden heftigen Emotionen. Die sind bei dir aus biologischen Gründen eng miteinander verbunden. Ein häufiges Verharren auf der leicht depressiven Seite gehört auch dazu. Die meisten AD(H)Sler funktionieren in dieser milden Melancholie am besten. Wenn man die heftig schwankenden Emotionen als eine Form der Rastlosigkeit versteht, wird das verständlicher.

An sich müsste ich nun über viele Seiten diesen Komplex beleuchten. Das sprengt den Rahmen. Frag lieber, was es an Mitteln gegen die Rastlosigkeit gibt. Die werden dann auch gegen die heftigen Stimmungsschwankungen helfen. Das hast du oft erlebt. Wenn diese in aggressiver oder depressiver Form auftreten, besteht Gefahr für dich oder deine Vorhaben. Übrigens ist das auch bei manisch anmutenden Höhenflügen zu befürchten.

Bei letzteren halte ich dich für nur eingeschränkt geschäftsfähig. Was hat anderen geholfen? Ich mach mal eine Liste. Keine Angst, sie wird nicht lang.

  • Tägliche Erdung in einem wohlmeinenden Sozialsystem, wo dich die Leute gut kennen, ist die Basis. Familie und Ordensgemeinschaften sind eingeführte Modelle. Es gibt auch andere. Vertraute und offene Menschen um dich zu haben ist das Wichtigste.
  • Geistige Anforderungen, spannende Dinge machen oder Kunst aller Art schaffen gehören dazu. Voraussetzung ist, dass du dich von jemand anderem vor dem „eingraben“ schützen lässt, etwa so: „Schluss für heute!“
  • Musik hilft, besonders wenn selbst gemacht. Wenn du schon nicht in der Lage bist passiv Glück zu erfahren, kannst du es dir damit aktiv holen.
  • Biologisch einfach belegbar - auch am wirkungsvollsten - ist und bleibt die tägliche körperliche Verausgabung. Es ist völlig unerheblich ob du Rennrad fährst, kletterst, tanzt oder den Garten umgräbst. Täglich, das erfordert eine Menge Disziplin.
  • Damit sind wir beim nächsten Punkt. Disziplin und tägliche Gewohnheiten sind für Menschen mit AD(H)S ein Gräuel. Sie helfen aber enorm. Ohne diese Tugenden, über viele Jahre eingebläut, würde es mich nicht mehr geben. Sie sind übrigens auch die Voraussetzung für die oben genannten Punkte. Weil sie so gegen deine Natur sind, wirst du sie mühsam üben, üben, üben müssen. Das braucht immer wieder Hilfe, mal als kurze Erinnerung, mal als gut gemeinter Anschiss.

So, das war das Wesentliche. Mehr kann ich dir erst einmal nicht über den Teil von dir sagen, der immer wieder Besitz von dir ergreift. Tatsächlich ist es so, dass er dir auch viele Kräfte und Möglichkeiten gibt. Nach vorne treibende Unrast, Geschwindigkeit, Charisma, Einfühlungsvermögen, Hilfsbereitschaft, Offenheit, Kreativität, bunt gestreute Begabungen, logisches Denken, Improvisationsvermögen - du hast die guten Seiten ebenso voll  eingeschenkt bekommen, wie die schlechten Seiten.

Die Kunst wird sein, mit diesem „Teil“ zusammen zu arbeiten. Er ist, so macht es Sinn, dein gefährlichster aber wertvollster Besitz.

Schütze dich wo nötig vor ihm und nutze ihn, wo immer möglich. So viel zum Sinn des „Teiles“ von dir. Welchen Sinn das Leben an sich macht? Je älter ich werde, umso mehr vertraue ich darauf, dass es einen macht.

 

Viel Erfolg,

 

Dein Finlayson