Schrebergartenmilitarismus


Bei folgendem Briefwechsel mit „Matz“ wurden alle Namen außer Stine und Walter geändert. Rechtschreibung und Zeichensetzung wurden insoweit verbessert, als es eine Lesbarkeit für Nicht-Legastheniker erfordert. Seltsamerweise erschweren Fehler von Lese-Rechtschreibgestörten das Verständnis nur den „Normalos“. Da wir Legasthenie nicht als Qualifikation voraussetzen können… .

Auf jede weitere Redaktion wurde (bis auf die Überschriften) verzichtet.

  1. Diplomkatastrophe Im Brief 1) geht es um Studien- und Partnerschaftsprobleme mit ADS. Auch wird von fast unüberwindlichen Hürden im depressiven Loch berichtet. Zwischen den Zeilen geht es um Liebe, um Fürsorge und immer wieder Liebe. Ein Vermittler tut Not.
  2. In der Antwort 2) wird auf die wertvolle Hilfe einer vermittelnden ADS-kundigen dritten Person Verwiesen Zu spät, zu spät, alles zu spät.
  3. Bei 3) kommen die unendlichen organisatorischen Probleme zum Vorschein, die ein aus den Fugen geratener Mensch mit ADS hat. Das alleine führt schon zur Handlungsunfähigkeit. Ehetraining, Rudertraining, seltsamerweise Liebe.
  4. Die 4) ist immerhin kurz. Kleiner Anlass, große Wirkung.
  5. Bei 5) wird ganz harmlos (weil lange tot) über Winston Churchill gesprochen. Weiter geht es mit einem Drama im real existierenden Schrebergarten und daraus folgenden Problemen eines befreundeten Paares. Ein Drehbuch für einen preisverdächtigen Kurzfilm wäre es auch. Frau Erika rät.
  6. Im Brief 7) gibt es gute Ratschläge - wie in einer Wartezimmerzeitung - ebenso hochtrabend wie überflüssig. Schrebergartenmilitarismus.
  7. Es folgt in der Erwiderung 8), freundlicher fabulierender Spott unter Aufnahme des Motives: „Churchills Zeit“.
  8. Ab auf die Galeere Nr. 9) nimmt den Ball auf und beendet den Briefwechsel vorerst.

 

 

1) Diplomkatastrophe

 

Hallo Walter

als Erstes noch mal schönen Dank für Dein letztes Gespräch im Haverkamp. Ich war echt froh dass Edith endlich mal mitgekommen ist und Dich und die anderen kennen lernen konnte. Es tat Ihr und mir gut und ich hoffe es klappt in Zukunft häufiger bei den Treffen dabei zu sein. Aber ich glaube, wenn Edith nicht den Schock des Schreibens Ihrer FH in den Knochen gehabt hätte und fähig gewesen wäre zu kapieren das ich sie kurzerhand in ein Taxi und zur Gruppe gebracht habe.

Sie wäre wohl kaum gekommen...... viele Freunde und Bekannte haben zu mir häufig gesagt sie wurden mich letztendlich nicht verstehen, nicht einordnen können (ist Dir sicher schon häufig begegnet) aber da es jetzt mir mit Edith immer wieder auch so geht, kann ich endlich verstehen was sie meinten.

 

Meine Güte ist das schwierig mit ADS bei sich selbst und dann noch bei dem Menschen den man liebt klarzukommen. Wir haben für unser Zusammensein immer noch keine funktionierende Lösungen, Regeln oder Mechanismen entwickelt: Ständiger Kampf und Kompensation die "Körner" kosten. Und manchmal auch auf unsere Zuneigung füreinander schlägt. Ist dann kaum auszuhalten für beide. Ok, eigentlich ist es wohl eher bei mir so, das meine Zuneigung im Wust immer wieder abhanden kommt… Ich wollte Dir nur in Kürze Berichten wie es weiter gegangen ist (Du sagtest leichtsinnig es würde Dich interessieren ;-)), dazu erst mal kurz beschrieben was denn da noch mal passiert war:

Edith hat Ihr zweites Diplom über jetzt 9 Monate gezogen (normal sind 3 Monate). Das ging, weil Ihr Prof wohlwollend Edith´s sympathischem Erscheinen erlegen war. Auch die wichtige Sekretärin der FH hat sich persönlich eingesetzt, obwohl sie eine Überkorrekte ist. Dann kam, nachdem sich Edith trotz mehrfachen Bittens seitens der FH sich doch mal zu melden nicht rührte ein Brief, der eine Frist setzte.

 

Ein Attest sollte her, welches etwas über die Unfähigkeit am Diplom zu arbeiten aussagte. Und das schnell. Als ich merkte das Edith mit der Maus in der Hand ca. eine halbe Stunde nach lesen dieser Mail immer noch erstarrt war (Ansprechen führte nur nach empfundenen Minuten zu einer "leicht" desorientierten Antwort) sind wir bei Euch den Abend aufgeschlagen. Du machtest den Vorschlag Dr. Johannes am nächsten Tag zu zweit aufzusuchen. Das haben wir getan (Fr Kasper lies uns freundlich genervt durch). Da wir zwei Stunden warten mussten nutzte ich die Zeit noch einiges zu erledigen und kam ein paar Minuten nach Gesprächsbeginn:

Edith (Maus) gegenüber Johannes (Schlange der es offensichtlich zu stressig war zuzubeißen...). Nein im Ernst, schlechte Stimmung und Johannes hatte keinen Bock wieder als Attest-Dummy missbraucht zu werden. Seine Begründung war auch ok. Er lies sich dann doch überzeugen. Das Attest kam am nächsten Tag, allerdings mit Widerwillen geschrieben. Einige Sätze waren schon fast abwertend. Edith schaffte es das Attest dann noch irgendwie zur FH zu bringen, sprechen konnte Sie allerdings wegen Feierabend mit keinem mehr. Also wusste die FH noch nicht, dass Edith eher ein Abbruch des Diplomes wollte, als nun einen letzten festen Termin für Ihr Diplom.

 

Wann die entscheidende Konferenz sein sollte wusste Sie nicht. Die zwei folgenden Tage verbrachte Edith mit sitzen an der warmen Heizung und starren in die Luft. Gutes Zureden, aufregen und schimpfen endlich bei der FH anzurufen um klarzumachen was sie wollte hatte keinen Sinn. Später sagte Edith sie hätte erst an dem Abend bei Euch zum ersten Mal über einen Abbruch nachgedacht, und war die Tage zu überfordert um irgendetwas zu tun. Wusste selbst nicht ob sie wirklich einen Abbruch des Diploms wollte und konnte somit nicht in der FH anrufen um irgendetwas zu vertreten. Da es bei mir andersherum läuft - wenn es knallt geh ich an die Front und hohle mir blutige Nasen - endete das alles nach zwei Tagen nichtstun in einem Ausbruch von mir.

Natürlich "passend" in einem vollbesetzten Cafe. Ich werde dann fies, kenne keine Verwandten mehr und knall meinem Gegenüber im Stakkato ohne Gelegenheit zur Gegenwehr kalte Wut und Verachtung um die Ohren. Also nichts mehr was konstruktiv genannt werden könnte... (irgendwo habe ich das schon mal gelesen...glaube ich ;-))

Am nächsten Tag rief sie dann endlich an, und Ihr Prof war distanziert und "wunderte" sich ebenfalls über dieses Attest. Edith sagte da aber noch nichts von einem Abbruch. DREI Tage später rief sie dann bei der Sekretärin an, erfuhr endlich den Termin der Konferenz und fragte dann endlich ob ein Abbruch noch möglich wäre - Die Anträge die sie Wochen zuvor gestellt hatte waren ja für einen Diplomtermin. Die Konferenz war gestern und das Ergebnis kommt per Post wohl jetzt am Samstag. Es scheint aber positiv ausgegangen zu sein. Die Sekretärin wollte sich am Telefon nicht näher äußern.

 

Ich bete dass es eine Annullierung ist, denn Gedanken wie das Diplom für Edith zu meistern wäre (wie du es vorgeschlagen hast) hat sich die Gute noch überhaupt nicht gemacht. Genauso ist es mit unserer Beziehung: Ich werde das Gefühl nicht los wir rennen offenen Auges in ein extrem aufzehrendes und grenzwertiges Abenteuer mit unserer entstehenden Familie ohne irgendein Konzept, passende Hilfen an der Hand zu haben, für unsere beiden besonderen Charaktere.

Mir graut und ich habe Angst. Ich habe manchmal Tränen in den Augen und allein der Gedanke an die ganze Verantwortung bringt mich zur Überforderung, obwohl noch gar nichts passiert ist.

Es ist insgesamt sehr Zäh mit Edith, die Tage bekommen wir nicht strukturiert, die Ernährung ist immer noch eine einzige Katastrophe, es gibt keinen positiven Flow die Dinge anzugehen. Noch nichts ist in Bezug auf Vorbereitung auf das Kind passiert. Einzig eine Wohnung suchen wir gerade. Es liegt an uns beiden.

Ich werde demotiviert da ich bei Edith noch nicht mal die Bereitschaft sehe organisatorische oder strukturelle Dinge anzugehen (reden darüber sicher, aber etwas konkret tun NEIN) und Edith wird ausgebremst weil Sie bei mir wohl keinen emotionalen Ankerplatz findet. Sie sagt Ihr fehlt mein unbedingtes zu Ihr stehen, egal was auch passiert. Hinzu kommt noch, dass die Anfänge der Beziehung Ads-like war.

 

Totales Chaos. Freunde von mir und Edith die auch etwas von Ihr wollten und ein Heiden - Spektakel gemacht haben als wir zusammenkamen. Bis heute kommen da von irgendwelcher Seite noch Querschläge. Auch mein unstetes Leben vorher gab bei denen und bei Edith Anlass zum Misstrauen und meine vier Monate dauernde Kiff - Phase die natürlich voll auf dem Rücken der jungen Beziehung ausgelebt worden ist. Ediths Diplom was seit Beginn der Beziehung für schlechte Laune sorgt, und... na, ja ... immer wieder von Ihr der Vorwurf sie könne sich nicht auf Ihr Diplom konzentrieren, weil ich Ihr nicht die nötige emotionale Rückendeckung gebe.

Und es ist etwas daran. Im Stillen weis ich wohl wirklich nicht weshalb ich diesen schon jetzt zehrenden, untergründigen Stress und Kräfte raubenden ADS–Blödsinnigen-Verwicklungs-Scheiss mitmachen soll. Ohne Perspektive und Vorstellung wie man das denn trotz aller schon jetzt sichtbaren Probleme hinkriegen könnte. Es hat Wochen gedauert bis Edith diese Ängste bei mir zur Kenntnis genommen hat, und ich bin mir immer noch nicht sicher ob es bei Ihr durchgedrungen ist.

 

Ebenso anders herum, Ihre Ängste und Hemmungen die Beziehung betreffend habe ich auch noch nicht ganz verstanden. Gleichzeitig strecke ich die Fühler für eine eventuelle Widerbelebung der Firma aus (mit guten, weil interessanten Aussichten) aber es ist schon jetzt abzusehen dass das wieder härtere Verteilungskämpfe nach sich ziehen wird - Ohne eine funktionierende Basis kann ich das allerdings sofort wieder vergessen. Außerdem bin ich immer noch körperlich nicht von meiner Kiff-Phase ganz erholt und rauchen tue ich auch noch. D.H. das loszuwerden steht auch noch demnächst an. Und mit dem endlosen Jammern, wie du siehst, höre ich auch nicht auf…

Alles in allem denke ich immer die Beziehung mit Edith könnte Gold wert sein, denn im Grunde haben wir sehr viel Verständnis für einander. Sind beide nette und freundliche Menschen, die allerdings von ihrem näheren Umfeld immer wieder Knallhart etwas abverlangen. Dickköpfig ist Sie wie ich, was sie Gott sei Dank leidlich vor manchem Ausbruch schützt und wenn wir in einem animierten Umfeld sind ist alles bestens. Nur wenn wir alleine sind ist dieses Wechselspiel der gegenseitigen Feinfühligkeit lähmend. Die Stärke dem anderen seine emotionalen Einbrüche zu lassen ohne es auf sich selbst zu beziehen ist kaum da…

 

Aber grundsätzlich wäre es schon alles machbar und dann sicher auch für beide befruchtend (Das Kind ist da ja schon mal ein Beweis :-) Bow... es ist Karfreitag morgen und ich musste das alles mal loswerden und in Hände geben denen ich Vertraue und die verstehen was los ist. Ich wollte Dich nicht zuschwallen (was ich ja doch getan habe… ) Dein Buch ist (und jetzt komme ich doch noch zu dem eigentlichem Grund Dir zu schreiben) eines der besten und angenehmstem über ADS die ich kenne!

Auch Edith liest es zwischendurch immer wieder gerne. Von einigen wohl ADS fokussierten, grenzwertigen Abschnitten abgesehen, die sehr viel platz für Skepsis und Angriffe bietet (wenn ein ADS skeptischer Mensch es liest und überzeugt werden will) rundweg treffend - und zwar Blattschuss!!

 

Genial für ADSler geschrieben - vieles was ich in den Gruppen von Dir gehört habe, habe ich beim lesen verstanden und einordnen können. Dat iss ja Weisheit und so.. Es ist wie in einem öffentlichem Brief bei Euch auf der Internetzseite: Je mehr ich über ADS verstehe, desto erstaunter bin ich wie viel Anteil ADS mein Leben hat! Das Problem ist, das für Außenstehende der Charakter ADS, seine Beschreibung in sich immer wieder unlogisch wirkt: Aber wenn es so und so ist kann es doch gar nicht so sein.. Manchmal glaube ich in seiner eigenartigen Stringens wohl nur von Betroffenen voll zu begreifen.

Und selbst die skeptischen Betroffenen überwinden Ihre Ablehnung gegenüber dem "Begriff" ADS hauptsächlich nur in einer persönlichen Notlage. Die Skepsis bei anderen ist groß, das Wissen klein. Gerade die Zielgruppe der Aufklärung, Ärzte, etc. weigern sich irgendwie vehement gegen eine nähere Beschäftigung mit ADS. Was ich da mit Ärztefreunden erlebt habe (auch einem engen Freund aus Schultagen, er kennt mich genau) war manchmal niederschmetternd.

Teilweise wähnte ich mich in ideologischen Diskussionen. Ich mag mir kaum vorstellen mit welchen Widerständen Ihr, die Ihr da an der Front zu kämpfen habt. Andererseits auch eine schöne Herausforderung. Respekt, und Respekt für Dein Buch Walter. Hier schon mal ein persönlicher Dank dafür von mir. Ach... :-) ... und Jobst heißt jetzt Enno (solide friesisch).. vorerst… Alles Gute, danke für Dein offenes Auge (und Deine stets offenen Ohren in der Gruppe) und bis dann. Frohe Feiertage

Matz

 

2) Ein Vermittler tut Not

 

Hallo Matz,

also erst einmal, das ist ein Brief für die Website, gründliche Anonymisierung vorausgesetzt. Darf ich? Und dann: Ihr beiden braucht dringend eine Person, die sich mit ADS auskennt und immer mal wieder als Dritter im Paargespräch moderiert. Am besten wäre eine Frau. Gerade im depressiven Loch ist das gut! Fragt doch mal bei Mechthild an, die trefft Ihr heute am Donnerstag den 20.4. um 19:30 im Hof Hesselmann an.

Siehe auch www.ads-muenster.de. Liebe Grüße, auch von meiner Süßen  (und es geht doch mit Verrückten!) und Kopf hoch!

Walter

 

3) Zu spät, zu spät, alles zu spät

 

Hallo Walter

Sag mal, Du bist doch ein erfahrener Ruderer. Sag mal ehrlich (Also ehrlich, ehrlich) ob Du Lust hättest mich ein-zweimal in einem Zweier mitzunehmen. Ich habe früher mal in einem Vierer gerudert. Ich wollte es mit Sarah schon seit einem Jahr machen, weis aber nicht mehr genau wie das alles noch mal funktioniert. Dann wäre es spaßiger wieder darein zukommen. Aber wenn Rudern für Dich Ruhe und Besinnung bedeutet will ich Dir auch nicht auf die Nerven fallen. Ediths Diplom ist annulliert und ein neuer Termin mit neuem Prof ist Ihr von der FH gegeben worden. Also gleiche Situation wie vor 9 Monaten.

 

Erst mal Erleichterung. Edith will sich nun Gedanken machen, war sogar von sich aus vorgestern auf dem Weg zum Treffen - allerdings erst um 23 30 Uhr. Upps, war ja keiner mehr da ;-) Gestern wollte sie dann zur FH um Infos zu holen, und war um 20 30 Uhr auf dem Weg - war ja schon wieder keiner da… Die Süße ist echt harter Tobak.

Wenn das alles nicht so brachial auf Ihr Selbstwertgefühl gehen würde wäre es ja witzig. In dieser Woche sind Zwei Wohnungsbesichtigungen, ein Spieleabend mit Freunden, ein gemeinsames Mittagessen und der Wochenendbesuch bei meiner Cousine im Hamburg geplatzt.

Ich habe ein Abendessen und zwei Verabredungen mit Ihr verpasst. Meine Güte :-) ich hoffe nicht das das Kind schon da ist wenn wir uns das nächste mal sehen... (nein, nein, haben uns doch dann doch noch regelmäßig gesehen) Ich ruf nächste Woche bei Mechthild an! Ja, mit der Veröffentlichung - Edith kennt meine Mail noch gar nicht und einige Sätze würden Sie verletzen. Muss das erst noch klären. Finde auch die anderen Briefe unterhaltsamer und einfach gut (Brief an einen jungen ADSler!).

Viele Grüsse

Matz

 

4) Ehetraining, Rudertraining, seltsamerweise Liebe

Hallo Matz,

was in das Netz gestellt würde, na also nicht ohne ein Gegenlesen von Dir. Was zu lesen ist, beinhaltet keinen persönlichen Angriff auf Deine Liebste, im Gegenteil! Da hat wer ADS mit derzeit schwerem Krankheitswert. Ihr drei stemmt Euch mit aller Macht dagegen. Wie das geschieht, beschreibst Du so gut, dass es absolut lesenswert ist. Am wichtigsten ist aber, dass in jeder Zeile durchschimmert, wie unendlich viel Liebe im Spiel ist.

Deine Mail ist eine einzige Liebeserklärung an Edith. Deshalb gehört sie anonymisiert zwar, aber auf unsere Seite! Wir reden immer von Problemen, „Coaching“, usw. aber viel zu selten von der Liebe, ohne die alles vergebens ist. Gib Dir einen Ruck! Was das Rudern angeht, immer herbei. Bootshaus Hiltrup (an der Hansestraße hinter dem Residenz-Tanzklub) Dienstags und Freitags um je 18 Uhr.

 

Wir setzen ehrlich, ehrlich, jeden in das Boot. Das ist die Sportart für Verrückte! Rudern ist fast so wirksam wie Kiffen aber weitaus nebenwirkungsärmer. Wenn du Dir nicht regelmäßige Auszeiten nimmst (täglich Sport), wirst Du das nicht lange mitmachen. Liebe ist eine starke Macht, und doch nutzt Du Mutter und

Kind nur, wenn Du auf Dich aufpasst!

 

Gruß, Walter

 

5) Kleiner Anlass, große Wirkung

Hallo Walter

Wie geht´s? Bezgl. der Mail kann sie von mir aus in´s Netz gestellt werden. Edith hat Sie gelesen und kam damit  einigermaßen klar. Auch sie hat nichts dagegen. Zur Zeit läuft es bei uns übrigens wieder gut - sehr gut sogar. Schaue mir gerade Wohnungen zum Kauf an. Hast Du zufällig von einer Wohnung gehört, 4 Zimmer, interessant und mit großem Renovierungsbedarf? Leere oder minderwertig ausgebaute Dachböden in den Renditeobjekten Deiner reichen Ärztefreundlandschaft...? ;-)

Nur wenn Dir spontan was einfällt…

Ich habe in der Literaturliste eine Biogr. über Winston Churchill gesehen. Ich hab gerade sein Nobelgepriesenes Buch:

Der zweite Weltkrieg gelesen. (Komplett hat es 6 Bände mit je 400 Seiten - das ging wohl mit ihm durch - aber ich habe mich an die erleichternde "Zusammenfassung" gehalten). Neben den spannenden Innenansichten eines Lenkenden dieser grausamen Zeit war sein durchgehendes Bemühen um persönlichen Kontakt mit den wichtigen  Leuten irgendwie fast süß und auch herzerfrischend naiv. Getreulich dokumentiert er seine Briefwechsel mit z.B. Roosevelt oder Stalin. Man kann deren Genervtheit über diesen agilen, unmittelbaren (penetrant...) Anschluss suchenden Menschen trotz allem diplomatischen Blablas sehen.

Er musste die Entscheidungsträger sehen, Ihre Gefühlsregungen spüren um Ortung zu haben. Auch wenn er wochenlang keine Antworten bekommen hat; er schrieb fast täglich persönliche Briefe an seine   Bundesgenossen. Hatte da schon immer irgendetwas in Richtung ADS gedacht, witzig ihn bei Euch in der Liste zu finden. Jetzt am Wochenende gab es ein Schrebergartenproblem, das dann letztendlich wieder bei ADS endete.

Ich hab einen Schrebergarten zusammen mit Freunden, und letztens, Nachts, schön grillen und Sternegucken mit Edith, hatte ich spontan den Einfall eine hässliche Hecke umzulegen.

 

Leider war das der Sichtschutz der Joe (Mitbesitzerin) sehr am herzen lag. DRAMA. Sie ist ausgeflippt (klar) aber so als wenn Ihr Kind gestorben wäre. Na, ja, das Ende vom Lied war dann, dass sich Ihr Mann das Wochenende über so mit Ihr zerstritten hat (auf Grund Ihres Verhaltens) das er sich trennen möchte. Joe hat ADS (glaub ich echt). Ahnt es vielleicht, will davon aber nix wissen. Alle Anzeichen sind mehr als typisch. Sie leidet schon lange an sich, hat kaum noch Selbstbewusstsein.

Sieht die Welt immer etwas verschoben und kriegt mit jedem in unmittelbarer Nähe Streit. Ist in Therapie, hilft aber nicht. Was Sie denkt (über Dinge die Sie interessieren) ist reine Wahrheit, andere Meinungen sind ein persönlicher Angriff. Sie denkt und sagt dass alle Welt gegen Sie ist. Kleinste Worte werden von Ihr häufig als Angriff gegen Sie ausgelegt. Eifersucht ohne Ende. Wenn Andreas (ihr Mann) nur irgendwo mit anderen Menschen Spaß hat, drängt es Sie Ihm diesen Spaß zu verderben, reicht ätzende Sprüche rein oder macht schlechtes Gewissen. Merkt das immer wieder und verfällt in Depression.

Sie ist ein netter Mensch und ich mag sie, aber sie denkt auch von mir ich sei gegen Sie. Denkt manchmal über "Maschine neu starten" nach (will nicht mehr). Andreas kann und will nicht mehr. Sieht einfach kein Ende. Da ich Ihren Ausbruch zum ersten Mal miterlebt hatte kam er heute zu mir.

Wusste nicht weiter. Ich konnte Ihn beruhigen, habe Joe mit ADS in Verbindung gebracht. Habe Ihm von den Mechanismen erzählt und wie man damit trotz allem auch gut leben kann. Was man wissen muss. Er war erleichtert. Die beiden leiden in erster Linie an Hoffnungslosigkeit. Joe kämpft wie wild, weis aber kaum wogegen. Letztens hatte ich schon mal von ADS und der Gruppe erzählt, Sie war neugierig und hat gefragt.

 

Er bat mich mit Ihr zu reden, ich soll Sie offen für die Möglichkeit eines ADSCharakters machen. Wie stellt man das nur an, ohne gleich eine Abwehr zu bekommen. Nur andeuten und selbst herausfinden lassen? Offensiv angehen? Soll ich mich da überhaupt einmischen? Sickt Sie mich an, geh ich ja selbst sofort hoch. Misch ich mich ein ist das das Ende meiner Freundschaft mit Andy? Oder sag ich kaum etwas und schieb sie in die Gruppe? Aber freiwillig geht sie da wohl nicht mit. Puh… Gruß, Matz

 

6) Frau Erika rät

Hallo Matz,

Du bist verrückt, liest Bücher von verrückten, hast verrückte Freunde, eine süße aber wirklich auch verrückte Freundin und fragst mich den Oberverrückten um Rat. Weia! Na gut, du willst es nicht anders.

Rat Nr. 1:  Warum hielt Churchill so eng Kontakt mit Rooswelt und Stalin? Klar, um keine Extravaganzen zu machen, die die Kriegskoalition gesprengt hätte. Im Nachhinein ist es so, dass er sich besser durchgesetzt hätte. Wenn die Front statt über die Normandie von Süden aufgerollt worden wäre, hätte es keinen Ostblock gegeben. Also, vor dem Hecken-Umlegen abstimmen. Na, für das nächste Mal. 

Rat Nr. 2: Gegen Eifersucht ist kein einfaches Kraut gewachsen, so schade das für Joe und ihren Andreas ist. Wenn, dann hilft viel darüber reden, das als gemeinsames Problem der Partner verstehend. Das sollte mit viel körperlicher Zärtlichkeit geschehen. Bettgeflüster sozusagen. Liebe im Paar hat was mit Loslassen zu tun. Liebe bei kleinen Kindern nicht. Liebe bei einem potentiell untreuen Partner (das sind ADSler mit ihrem Reiz-Reaktions-Kurzschluss) verleitet notwendig zur Eifersucht. Der Weg fort vom Alles-Meins-Wahn ist lang, besonders für die Besseren unter den Mädels. Dazu kommt, dass sie sich ADS-typisch reinsteigern wird.

Rat Nr. 3: Wegschieben der hilfreichen Erkenntnis des ADS ist üblich. Wirkungslose Therapien auch, ja sogar ein Diagnosekriterium! Gib dem Mädel doch mal das „Kreative Chaos“ zu lesen. Begründung, sie solle sich mal mit Dir und Deiner Meise beschäftigen. Auf keinen Fall wegen ihres eigenen Vögelchens. Für sich selbst tun diese Leute nichts, aber alles um andere zu verstehen, siehe Churchill. Nun ist das Buch so geschrieben, dass lesbar und nicht „krankheitszentriert“, darum ja auch geschrieben. Nun muss ich weg, daher Ende. Lieber Gruß auch an Edith

Dein Walter

 

7) Schrebergartenmilitarismus

Mensch Walter, Danke für Deinen Rat.

Habe nun einen Kartenraum zur operativen Übersicht der Schrebergartenentwicklung eingerichtet. Jede Stossrichtung der Wachstumsphasen, jedes Aufbrechen der zahlreichen Blütenknospen wird getreulich festgehalten. Der Stab leistet eine fantastische Arbeit und steht in dieser wichtigen Phase des Frühlings geschlossen hinter den von uns so lange Zeit alleine hochgehalten Idealen. Die Sekretäre sind vollauf mit meiner Korrespondenz zu den hoch geschätzten Freunden unserer Anbaukoalition beschäftigt, und der strategische Plan wird von unseren Kommandeuren vor Ort glänzend taktisch unterstützt.

Habe die Einsetzung eines Ausschusses zur besseren Koordinierung unseres so lebenswichtigen Nachschubes angeregt, denn davon allein hängt der Erfolg unserer verzweifelten Bemühungen und aufopferungsvollen Taten ab. Wir planen im Herbst die Früchte unserer Anstrengungen zu ernten, doch stellt das Gelände mit seinen Zahlreichen Hecken und steinernen Einfassungen höchste Ansprüche an den Arbeitswillen dieser Besten unserer Generation. Jedes Feld, jede umzäunte Wiese könnte zur Grabungsschlacht werden.

 

Zwar gab es bei der Überwindung dieser so schädlichen Hecken eine Katastrophe und die nervliche Anspannung unserer Kolonnen ist immens, doch werden wir im Glauben an die Freiheit unserer Ländereien nicht wanken noch weichen. Dies, mein hochgeschätzter Freund und Bundesgenosse, ist unser unerschütterlicher Wille und alle Planungen und zukünftigen Aktionen können treu und fest von diesem Grundsatz ausgehen. Die Saat ist gelegt, lassen Sie in Ihren Bemühungen um Informationsfluss und Unterstützung nicht nach, bis der Erfolg unserer Mühen wächst und gedeiht. Ich möchte in diesem Zusammenhang noch einmal auf das bereits angesprochene Treffen zur Beurteilung unserer maritimen Leistungen im bereits blühenden Hiltrup zurückkommen.

Sie waren so freundlichen trotz Ihrer großen Beanspruchung auf anderen Schauplätzen diesem zuzustimmen. Doch ist unser heroischer Kampf gegen die Beeinflussung und Agitation faschistoider Nikotinverbindungen hinter unseren Linien noch nicht gewonnen.

Und obwohl die abschließende Beurteilung unserer vereinten Stabschefs noch nicht vorliegt, möchte ich dies als unabdingbare Vorraussetzung für einen Erfolg unserer Zusammenkunft sehen. Sehen Sie dies aber bitte nur als informelle Arbeitshypothese, ohne den Ratschluss der von uns autorisierten Gremien  vorwegzunehmen. Ich verbleibe mit den besten Grüssen und Wünschen auch an Ihre Frau Majestät nebst Anhang, hochachtungsvoll

Matz Otto i. d. Pott

 

8) Ab auf die Galeere

Tja, Matz,  ich sehe, Du hast einen Gartengeneralstab eingerichtet. Das ist gut so, denn Stabsoffiziere  bekommen immer das beste Essen und den meisten Schnaps. Weiter so! Ganze Ameisenarmeen werden für Deine Planungen dankbar sein.

In der Ameisengeschichtsschreibung und dem Strategiehandbuch des Schrebergärtnerns wirst Du immerdar einen festen Platz einnehmen. „Die Hecke war gefallen, so kam, sah und säte ich“. Was den maritimen Schauplatz angeht, so wartet die Galeere noch auf Dich und bietet Dir aufstrebenden Menschen alle Möglichkeit Dich vom Ruderknecht zum Steuermann hochzudienen. Nikotin ist kein Problem, wenn du es schaffst beim Skullen zu rauchen, gerne. Die Profis nehmen Kautabak, dann wird man mangels Kippenglimmen auch nicht so schnell von der feindlichen Aufklärung geortet.

Die Propaganda an der entscheidenden Heimatfront sollten wir nicht vergessen. Ich werde am Wochenende mal unseren Briefwechsel aufarbeiten um ihn in das Netz zu stellen, vorher bekommst Du das Ganze noch zu lesen. Übrigens hast Du schriftstellerische Qualitäten, mehr als ich. Es wir also vergnüglich werden.

Alles für den Sieg, nieder mit den Nacktschnecken,

 

Dein Walter

P.S.: Stine lässt grüßen