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Traumabehandlung durch EMDR


(Eye Movement Desensitization and Reprocessing)

Was der Begriff „EMDR“ ausgeschrieben heißt, seht ihr in der Überschrift. Aber wie wird EMDR durchgeführt? Was ist ein Trauma? Was hat das alles mit AD(H)S zu tun? Das wird nun unter den Punkten 1. bis 3. abgehandelt. Fangt einfach da an, wo Ihr am meisten Interesse habt.

 

1. EMDR

wurde „erfunden“ von Francine Shapiro. Von ihr ist in Deutschland ein gutes Fachbuch dazu erhältlich: „EMDR als integrativer psychotherapeutischer Ansatz“ erschienen 2003 im Junfermann Verlag Paderborn.

Es wird so durchgeführt: Klassischerweise bewegt der Therapeut den Finger vor den Augen von rechts nach links, wobei man nur mit den Augen folgt. Es gibt aber auch andere Möglichkeiten, wie z.B. einem Lichtpunkt auf einer Platte zu folgen, der aussieht wie aus „Knight Rider“; das Tippen auf passende Körperteile oder Fingerschnipsen und andere Geräusche, welche von Rechts nach Links wechseln. Wahlweise können auch Töne per Kopfhörer  abwechselnd auf die Ohren gegeben werden.

Aussuchen sollte man die Art und Weise der Durchführung, wie es einem am besten schmeckt. In allen Fällen geht es primär darum, dass man von einer Seite zur anderen Seite wechselt. („bilaterale Stimulation“ nennt man das auch)

Der Patient  folgt dem rhythmischen hin und her von Links nach Rechts. Hierbei sollen beide Gehirnhälften „synchronisiert“ werden. Es geht dabei in keiner Weise um Manipulation. Man versucht nicht Bewusstseinszustände zu verändern, sondern eine Integration von Trauma und verbundenen Emotionen und Empfindungen zu erreichen.

Der Therapeut ist eine wichtige Person! Vor der Behandlung muss er den Patienten gut kennen lernen, indem er eine Anamnese, eine Befragung, durchführt. Dieser muss auch unbedingt vorab die Stabilität und innere Sicherheit des Patienten abschätzen. Ohne diese kann EMDR kontraindiziert sein. Zusammen mit dem Patienten legt er Behandlungsziele fest, so dass dieser in allen Phasen der Therapie seine Freiheit behält, selbstbestimmt bleibt.

Während der Behandlung wird er nach aufsteigenden Erinnerungen und Assoziationen, oft in Form von Bildern und Körperwahrnehmungen fragen. Dann wird er den Patienten ermutigen, diese nicht wegzuschieben: „Bleiben Sie dabei.“ Das ist noch nicht alles. Er muss versuchen, das so zu steuern, dass der Patient nicht von gar zu schlimmen Erinnerungen überfahren wird und dabei Schaden nimmt. Später wird er nach und nach dazu übergehen immer weiter die Verarbeitung und Auflösung voran zu bringen. Das wird „Prozessieren“ genannt.

Erst, wenn sich der Therapeut überzeugt hat, dass keine ernste Gefahr besteht, wird manchmal der Patient eingeladen einen Teil der Behandlung mittels klopfen auf verschiedene Körperstellen oder Kopfhörer selber weiter zu führen. EMDR ohne kundigen Therapeuten ist gefährlich. Besonders wenn dieser nichts über die Grundkonstitution des AD(H)S weiß.


Ist das denn alles wissenschaftlich? Jupp! Am 06.06.2006 wurde durch den „Wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie“ ein Gutachten zur wissenschaftlichen Anerkennung der EMDR-Methode zur Behandlung von Posttraumatischen Belastungsstörungen verabschiedet (Dtsch Ärzteblatt 2006). Also keine Psychosekte oder Schamanenkunst aus Märchenbüchern. Sondern handfestes Werkzeug!

 

2. Trauma was ist denn das?

Manchmal gibt es Gefühle und Empfindungen, die uns vor etwas warnen sollen. Das ist auch notwendig um sich zu schützen. Damals war das noch klipp und klar der böse Säbelzahntiger. Wenn ich erlebt habe, dass meine Mama von so einer süßen gestreiften Miezekatze gefressen wurde, werde  ich fortan beim Anblick jeder großen Katze heftige Angst, Herzklopfen, das Bedürfnis des Weglaufens oder wahlweise heftige Wut haben. Stress pur, anschließend drei Nächte schlaflos aber lebensrettend.

Genau das sind die Reaktionen, die bei einem Psychotrauma auftreten, wenn ich nur an den Mistkerl mit den langen Zähnen denke. Einen solchen Dauererregungszustand nennt man „Hyper-Arousal“. Dazu gehört auch: Das Selbstwertgefühl ist am Boden, die Hormone spielen verrückt, Seele, Psyche, Körper und Geist springen aus der Bahn.

Der psychiatrische Begriff dazu ist „PTBS“, Post-Traumatische "Belastungs-Störung". So mancher Täter nutzt bewusst oder unbewusst diese Situationen für eigene Belange und richtet dabei oft zusätzlich derben Schaden an. Das macht schon der Tiger, weil seine Beute dann vor Schreck wie gelähmt wird oder ihm kopflos vor das Maul läuft. Das machen aber auch Täter im Mobbing. Der Mensch ist als Raubtier echt clever.

Weitere Hinweise auf eine Traumatisierung sind Albträume und „Flashbacks“, überfallartige Erinnerungen an schlimme Situationen, die dann auch ein Arousal auslösen können, aber nicht  müssen.

Später können lange vergessene Ereignisse durch einen Auslöser (Trigger) wieder in den Vordergrund treten, manchmal Jahrzehnte später und die Situation erneut verschlimmern. Das nennt man Retraumatisierung.

Dumm ist es, wenn man keine Erinnerung mehr hat und dann gar nicht weiß, wo das auf einmal herkommt (Teilamnesie). An dieser Stelle ist einer der Ansatzpunkte des EMDR. Es kann die zurückliegenden Ereignisse mit den aktuellen „Triggern“ verbinden und bewusst machen. Wenn mir klar ist, was da soeben geschieht, ist das die halbe Miete.

Besonders schlimm ist, dass abgelaufene Traumata das Verhalten steuern, in einer dem Bewusstsein und dem Willen kaum zugänglichen Weise. Angst führt dann zu Vermeidungsstrategien von Orten oder Situationen. Wenn es Unigebäude sind oder der Betrieb, ist die Karriere passee. Bei Kindern und Jugendlichen kennen wir das bei Schulverweigerern. Wut aus einem lange zurückliegenden Trauma kann einen wohlmeinenden Menschen unvorbereitet treffen und einen sozialen Scherbenhaufen hinterlassen.

Das Arousal führt zu schweren Konzentrationsstörungen und häufig genug zu dauerhaften Körperschäden durch den damit verbundenen intensiven Stress.

Belastungsstörungen bleiben oft unerkannt. Betroffenen fällt es schwer, sie zu verbalisieren oder auszudrücken (speechless terror), was die Erkennung und Bearbeitung zusätzlich erschweren. Deren Auswirkungen familiär, sozial und gesundheitlich können gravierend sein. Vom Psychiatriekreislauf über Schulden, von dauerhafter Krankschreibung bis Verlust der Freunde können alle Lebensbereiche betroffen sein. Zusammen mit AD(H)S wird es besonders fatal, wie Ihr im nächsten Kapitel 3. sehen werdet.

  

3.     Trauma, AD(H)S und Verhaltensstörung

Wenn der Tiger die Mama gefressen hat und Du hast ihm dabei zugesehen, wird bei einer eventuellen PTBS die Diagnose leicht sein. Bei unseren Selbsthilfegruppenmitgliedern mit ihrem AD(H)S sieht das meistens anders aus.

Erst einmal ist es so, dass diese sich an viele Details aus der Vergangenheit gar nicht erinnern. Ein gering entwickeltes „biographisches Gedächtnis“ ist fast regelmäßig mit dem AD(H)S verbunden.

Wie kommen sie aber zu unerkannten Traumata? Es ist so, dass sie durch ihre Impulsivität, wo „ruhig bleiben und Maul halten“ angesagt wäre, explodieren. Noch schlimmer ist Hypoaktivität in Situationen in denen man sich wehren sollte. So sind sie schon als Kinder ideale Mobbingopfer. Nun schaukelt sich das hoch. Durch einen mobbingbedingten Lernprozess ändert sich das Verhalten. Flucht, Rückzug im Wechsel mit ungesteuerter Aggression machen keinen beliebter sondern geben Anlass zu weiterer Ausgrenzung.

Durch ständige Wiederholung der Verletzungen entsteht über Jahre dann eine echte, eine „komplexe PTBS“, die schwer zu erkennen ist.
Zum Glück geschieht das nicht jedem Menschen mit AD(H)S, aber vielen. Ein Mann namens Aaron Antonovsky hat dieses Phänomen erforscht und festgestellt, dass einige Betroffene ein sogenanntes gutes Kohärenzgefühl haben und dann weniger anfällig für Traumatisierungen sind.

„Das Kohärenzgefühl ist eine globale Orientierung, die ausdrückt, in welchem Ausmaß man ein durchdringendes, dynamisches Gefühl des Vertrauens hat, dass die Stimuli, die sich im Verlauf des Lebens aus der inneren und äußeren Umgebung ergeben, strukturiert, vorhersehbar und erklärbar sind; einem die Ressourcen zur Verfügung stehen, um den Anforderungen, die diese Stimuli stellen, zu begegnen; diese Anforderungen Herausforderungen sind, die Anstrengung und Engagement lohnen.“

(Aaron Antonovsky: Salutogenese. Zur Entmystifizierung der Gesundheit. 1997, S. 36)

Man vermutet auch, dass das mit dem Entwicklungsstand des „Betriebssystems“ (psychische Grundkonstitution) und/oder sogar mit der vorhandenen „Hardware“ (Genetik) zu tun hat. Bei AD(H)S kann es an beiden Stellen ein Problem geben. Vor allem gibt es aber eine höhere Wahrscheinlichkeit ein Trauma zu erleiden, wie soeben erklärt wurde. Besonderen Dank gilt dem Engagement des Ehepaares Krause, welche in dem Standardwerk "ADHS im Erwachsenenalter" zielgerichtet über Grundlagen der Symptomatologie, Neurobiologie, Genetik, Differenzialdiagnostik, Therapie und auch über die PTBS bei ADHS berichten: 

"Eigene Erfahrungen sprechen jedoch dafür, dass aufgrund der primär vermehrt vulnerablen Persönlichkeit Betroffener Traumen bei diesem Personenkreis zu schweren Belastungsstörungen führen können. (...) Außerdem führt die gesteigerte Risikobereitschaft gehäuft zu Unfällen und anderen traumatischen Erlebnissen; diese Patienten wachsen in der Regel in Familien auf, in denen aufgrund genetischer Belastung mit erhöter Impulsivität, niedrigen Sozialstatus und Substanzmisbrauch zu rechnen ist, was eine ungünstige Sozialisation bedingt. Somit ist nicht selten eine traumatische Dauerbelastung gegeben; Berichte vieler Patienten enthalten solche Schilderungen"

(Krause, Krause: ADHS im Erwachsenenalter, 2005) .

 

Daher: Die PTBS als lebenslangen Klotz am Bein zu verhindern, ist der wichtigste Grund für eine frühe Prävention im Kindesalter.

Die (nur halbrichtige) Diagnose des Psychiaters beim Vorliegen einer PTBS war bei unseren Selbsthilfe-Gruppen-Mitgliedern meistens die einer Verhaltensstörung, bei mittlerweile erwachsenen Leuten oft die einer Persönlichkeitsstörung. Als Missverständnis ist das für die Betroffenen schlimm genug gewesen! Schlimmer noch ist, dass diese Verhaltensstörungen ohne Beseitigung der ursächlichen PTBS langzeitig kaum beeinflussbar sind.

Folgendes dürfte einer der Gründe für die miserablen Langzeiterfolge von Verhaltenstherapien bei AD(H)S sein: Laut Untersuchungen braucht es nur den Bruchteil einer Sekunde damit ein Trigger ausgelöst wird. Das ist schneller als das bewusste Denken eine Situation erfassen kann, denn es ist eine rein instinktive Reaktion. Man erkennt das bei betroffenen Menschen, wenn diese bei total harmlosen Situationen auf einmal die Flucht ergreifen, aggressiv werden oder wenn beides nicht geht, einfach Erstarren!

 

Selbst wenn das Trauma erkannt, die PTBS erfolgreich angegangen wäre, müssten neue Verhaltensmuster erlernt werden. Auf diesem Feld ist die VT (Verhaltenstherapie) an sich sehr erfolgreich, weniger aber, wenn AD(H)S vorliegt. Wir würden eine bessere Didaktik benötigen, als es Therapeuten derzeit lernen. Wir sind eben nicht die besten Schüler und benötigen daher einen spannenden Unterricht. Zudem gibt es ein weiteres Problem, was allenfalls dem Coaching zugänglich wäre: unsere Neigung uns irgendwo hinein zu steigern führt dazu, dass wir den Wald vor Bäumen nicht sehen. So scheitern wir oft an der pass genauen Anwendung des Gelernten.

 

Der Spruch: „Bei AD(H)S funktioniert kognitive Verhaltenstherapie nur in der Therapiestunde“- hat sich gar zu oft bewahrheitet. Das ist umso bedauerlicher als das Verfahren an sich sehr wertvoll ist. Die Hoffnung ist, mit besserer Diagnostik und weiteren Methoden wie Coaching, Theaterpädagogik  und EMDR die Verhaltenstherapie nicht nur zu ergänzen, sondern auch besser als Stimme im Konzert wirken zu lassen.

Beim PTBS kommt ein biologisches Problem hinzu. Das traumabedingte Arousal ist einem AD(H)S-bedingten Unrastzustand so ähnlich, dass beide sich gegenseitig hochschaukeln. Das wiederum wirkt auf die Kernsymptomatik des AD(H)S zurück. Zunächst scheint es, als ob das AD(H)S explodiere und kann dann nach körperlicher und seelischer Verausgabung in schweren Erschöpfungszuständen enden. Es genügt im Extremfall eine übliche AD(H)S-bedingte Schwankung, um eine Retraumatisierung auszulösen. Die Zeit kann dann nicht immer heilen - im Gegenteil, es wird in solchen Fällen immer schlimmer.

Wahnhafte Gedanken- und Verhaltensmuster sind bei einigen Mitgliedern unserer Selbsthilfe ein vorläufiger Endpunkt solch eines Teufelskreises gewesen. Das ist bisher kaum korrekt diagnostizierbar, kaum von einer Psychose abgrenzbar. Ein Hinweis darauf könnte eine kurzfristige Besserung unter der Wirkdauer von Methylphenidat sein, die für wenige Stunden den Kreis unterbricht, das Grundproblem aber keineswegs beseitigt, im Gegenteil!

 

Auch die medikamentöse Behandlung des AD(H)S kann durch die oben geschilderten Probleme sehr kompliziert oder gar unmöglich werden. Häufig ist es so, dass im Laufe der Behandlung die Dosis an Methylphenidat deutlich gesteigert werden muss. Manchmal werden immer größere Mengen eines Antidepressivums hinzu gegeben, um den „Rebound“ abzufangen. Der ist ja so eine Schwankung des Vegetativen Nervensystems mit biologisch gegebener Nähe zum Arousal.

So kann Medikation das Problem im Einzelfall verschlimmern. Auf alle Fälle ist bei steigendem Dosisbedarf äußerste Vorsicht geboten. Nach Dingen wie einer PTBS, einer Angststörung, aktuellem Mobbing oder anderen schwerwiegenden Belastungen muss gezielt gesucht werden. Wer derzeit dieses Problem mit der Medikation anschaulich in Vorträgen schildert ist Dr. Martin Winkler.

Coaching kann dabei helfen, rechtzeitig Gefahr zu wittern um sie dann in Zusammenarbeit mit Coach, Arzt und ggfs. EMDR-Therapeut anzugehen. Schriftlich gibt es dazu bisher nichts Rechtes. Die Beziehungen von Trauma und AD(H)S sind bisher nicht ausreichend geklärt. Insbesondere wissen wir zu wenig über die Dynamik, die sich damit verbindet. Praktische Erfahrungen zeigen aber, dass ein PTBS häufig den Krankheitswert eines an sich durchaus handhabbaren AD(H)S ausmacht. In der Selbsthilfe fragen wir gezielt danach, um entscheidende „Kraftlecks“ zu finden. Streiflichter in den Büchern aus der Münsteraner Selbsthilfe, aufgeschrieben durch das Ehepaar Beerwerth, beleuchten nur Teile dieses Problems. Gegen das PTBS an sich kann weder Selbsthilfe noch Coaching etwas ausrichten.

 

Die „komplizierte PTBS“ ist mit Sicherheit nicht die einzige Ursache, die  zu Verhaltensstörungen und chronischer Erschöpfung bei AD(H)S führt. Aber: Die verdeckte PTBS wird uns als Faktor bei der Entstehung und der Therapie von Verhaltens- und Beziehungsstörungen in den nächsten Jahren begleiten. Ja nach den Erfahrungen aus der Erwachsenenselbsthilfe sollte die Beschäftigung damit in den Vordergrund rücken. Die Vorbeugung sollte insbesondere bei therapeutischen Maßnahmen für Kinder mit AD(H)S berücksichtigt werden. Methylphenidat ist derzeit das wertvollste Mittel zur Prophylaxe - Elterntraining kann vor emotionalen Folgen schützen.

Vorsicht! Auch gut gemeinte therapeutische Maßnahmen im Rahmen der VT können den Schaden verschlimmern. Aus der Natur der PTBS erklärt sich, dass das nicht immer sofort auffällt. Viel Feingefühl ist also gefragt.

Im Zweifel: „Weniger ist Mehr.“

 

 

Weiterführende Links: 

www.traumatherapie.de 

EMDRIA Deutschland e.V.

EMDR Institut Deutschland