Versicherung und AD(H)S


 

 

Wichtiges vor der Kontaktaufnahme mit Arzt oder Psychologen zwecks Diagnostik!!!

Versicherungen schauen sich normalerweise genau an, wen sie versichern. Das hängt damit zusammen, dass das Risiko, welches die Versicherung eingeht, für sie kalkulierbar sein muss.

Also ist es wichtig, einige Grundsätze zu beachten, wenn man sich mit dem Gedanken AD(H)S beschäftigt, und trotzdem für später passend vorsorgen will. Da nur in den Bereichen Krankenversicherung, Krankenzusatzversicherung, Berufsunfähigkeitsversicherung und evtl. Unfallversicherung euer Gesundheitszustand vor der Aufnahme geprüft wird, beschränke ich mich auf diese Bereich.

 

1. Der frühe Vogel fängt den Wurm

Soll heißen, je eher, desto besser. Ihr solltet Euch um Versicherungsschutz definitiv vor dem Besuch beim Arzt kümmern. Die meisten Versicherungen reagieren ohne weitere Nachfrage mit einer Ablehnung, wenn sie das Wort Psychiater, Psychologe oder Sitzung bei einem anders gearteten Kopfdoktor in einem Antrag auf eine der oben genannten Versicherungen hören.

Wenn ihr also beschlossen habt, euch bei einem Arzt in dieser Richtung Hilfe zu holen, solltet ihr solange damit warten, bis euch eine Versicherung die Aufnahme bestätigt hat.

Das gilt für jeden Arzt! Also nicht erst vom Hausarzt die Überweisung holen und dann den Antrag stellen ...

Krisen und gesundheitliches Wohl stehen natürlich IMMER vor versicherungstechnischen Gegebenheiten - Insbesondere bei Fällen von erheblicher Fremd- oder Selbstgefährdung.

 

2. Nur wahre Angaben machen

Lasst euch von keinem Versicherungsmenschen sagen, ihr bräuchtet einen Besuch beim Facharzt nicht angeben. Die Versicherung wird im Leistungsfall prüfen, ob ihr falsche Angaben gemacht oder etwas gar nicht gesagt habt.

Der Versicherungsmensch, der euch zu einer Falschaussage verleitet, wird sich auch nicht schwer tun, später zu behaupten, ihr hättet nichts anderes als im Antrag angegeben. Und da ihr diesen unterschrieben habt, seid ihr auch dafür verantwortlich. So etwas kann böse Folgen haben, bis hin zur Betrugsanzeige.

 

3. Erst anonymen Probeantrag stellen

Wenn ihr schon mal bei einem Facharzt wart, solltet ihr bei mehreren Unternehmen anonyme „Probeanträge“ stellen. Diese werden dann fast ganz normal bearbeitet, wenn man euch versichern würde, bekommt ihr ein Angebot. Sollte das Probeangebot aber abgelehnt werden, wird das nirgendwo registriert. Ihr braucht also in keinem der später folgenden Anträge angeben, dass ihr schon mal abgelehnt worden seid. Eine Ablehnung beim einen zieht oft die pauschale Ablehnung beim nächsten Versicherer nach sich.

Falls in einem Antrag allerdings explizit nach abgelehnten oder zu erschwerten Bedingungen angenommenen Anträgen gefragt wird ist auch diese Frage wahrheitsgemäß zu beantworten.

 

4. Den Versicherer aussuchen

Wenn ihr einen Antrag auf Krankenversicherung stellt, achtet darauf, dass die Fragen zu eurem Gesundheitszustand zeitlich begrenzt sind. Ansonsten könnte die Versicherung euch einen Strick drehen, auch wenn ihr vor zehn Jahren das letzte Mal wegen AD(H)S in Behandlung gewesen seid und das vergessen habt. Ist der Zeitraum z.B. auf die letzten fünf Jahre beschränkt, kann nichts mehr passieren.
Aber aufgepasst - selbst wenn die Diagnose VOR dem abgefragten Zeitraum liegt - auch die regelmäßige Einnahme von Medikamenten gilt als Behandlung im Sinne der Antragsfrage.

 

5. Wartezeiten bedenken

Wenn ihr Versicherungsschutz bekommen habt, solltet ihr nicht direkt im Anschluss los laufen, um euch beim nächsten Therapeuten einen Termin zu besorgen. Die meisten Tarife sehen eine Wartezeit vor, in der Leistung nicht oder nicht komplett übernommen wird.

 

6. Speziell für angehende Beamte

Wenn ihr vor eurer Verbeamtung in Behandlung seid, werden euch die privaten Krankenversicherungen keinen umfassenden Versicherungsschutz anbieten. Das heißt aber nicht, dass ihr die gesetzliche Krankenversicherung zur Verbeamtung nicht verlassen könnt. Es gibt Versicherer, die haben "Kontrahierungszwang", das heißt, sie müssen bei Verbeamtung versichern. Bei vorheriger Erkrankung kann es aber sein,  dass die Versicherung nur mit einem Risikozuschlag möglich ist.
Leistungsausschlüsse werden aber nicht vereinbart.

 

7. Alternative zur Berufsunfähigkeitsversicherung:

Dread Disease-Versicherung

Wenn ihr keine Berufsunfähigkeitsversicherung (BU) mehr bekommen könnt, gibt es eine Alternative, die nicht die Berufsunfähigkeit absichert, sondern außer dem Todesfall auch den Eintritt einer schweren Erkrankung. Diese Krankheiten sind in den Bedingungen klar festgelegt. Es wird auch keine monatlichen Rente, sondern eine Einmalzahlung geleistet (die aber auch verrentet werden kann). 
Das ganze heißt "Dread Disease"-Versicherung.

Wie bei Lebensversicherungen und BU-Versicherungen müssen auch bei diesen Gesundheitsfragen beantwortet werden. Je nach Umfang der eingeschlossenen Krankheitsbilder wird aber AD(H)S auch hier eine nicht unerhebliche Rolle bei der Antragsbeurteilung spielen

 

Private Erwerbsunfähigkeitsversicherung

Es gibt auch noch die Erwerbsunfähigkeitsversicherung. Diese greift nur dann, wenn man gar keiner Erwerbstätigkeit mehr nachgehen kann. Diese wird gewählt wenn jemand z.B. noch Schüler oder Student ist, oder als Hausfrau/Hausmann ohne Berufsausbildung versichert werden soll. Die Gesundheitsfragen sind aber identisch mit denen der Berufsunfähigkeitsversicherung und auch die Beurteilung der Angaben ist praktisch gleich.  

 

Für mehr Informationen können Sie sich an Michael aus unserem Beratungsteam wenden. Dieser ist Versicherungsfachkraft.

 


 

Referat von Frau Brockmann zu versicherungsrechtlichen Fragen

Frau Brockmann ist seit Jahrzehnten mit der Beratung von Versicherungsnehmern und solchen, die es werden wollen, befasst. Sie gehört der pma:consult an, einem nicht an einen Anbieter gebundenen Beratungs- und Maklerunternehmen. In der Beratungstätigkeit agiert sie somit frei und unabhängig. Zunächst wurde von Herrn Beerwerth darauf hingewiesen, dass Menschen mit AD(H)S ein erhöhtes Risiko haben, an zur Invalidität führenden körperlichen oder seelischen (Stress-) Erkrankungen zu leiden.

Ab dem 40. Lebensjahr ist das ein beständig wiederkehrendes Thema in der SHG. Eine Berufsunfähigkeitsversicherung ist daher unabdingbar. Auch wird beklagt, dass die gesetzlichen Krankenkassen das Methylphenydat nicht zahlen. Obwohl es das Mittel der ersten Wahl ist und derzeit kein gleichwertiger Ersatz in Sicht kommt, ist es nur für Kinder zugelassen.

Zunächst betonte Frau Brockmann, dass zwei Versicherungen für den Privatmann eine echte Notwendigkeit darstellen: Privathaftpflicht und Berufsunfähigkeitsversicherung, kurz BU genannt. Letztere zahlt schon dann, wenn die Berufsunfähigkeit mindestens 50% beträgt. Die Rentenversicherung, etwa die bfa, tritt erst bei vollständiger Erwerbsunfähigkeit ein und dann nur mit einem Satz in Nähe des Sozialhilfeniveaus.

Das Problem liegt darin, dass die Versicherungsgesellschaften eine BU in der Regel nur anbieten, wenn keine Anzeichen für eine chronische Erkrankung bestehen.

 

„Jede Psychotherapie, ganz gleich mit welcher Diagnose, wird als ein Hinweis auf einen chronischen Verlauf und ein hohes Risiko für  den Anbieter gewertet, der zur Ablehnung des Antrags auf BU führt.“

 

Falls aktuell keine schwere Krise besteht, die zu sofortiger Therapie zwingt, hält Frau Brockmann es für klug, zuerst über einen freien Versicherungsmakler eine BU abzuschließen, bevor das Vorliegen von AD(H)S untersucht oder diagnostiziert wird.

 

„Erst nach dem Abschluss einer BU sollte dann der Arzt oder Psychologe konsultiert werden.“

 

Schon aus diesem Grund und zur Klärung weiterer wirtschaftlicher und sozialer Aspekte, oft Dreh und Angelpunkt bei AD(H)S, ist die Empfehlung der Arbeitsgruppe an Psychiatrische Einrichtungen, den Patienten darauf hinzuweisen, sich zunächst zum Einholen solcher und weiterer Informationen bei der SHG zu melden, bevor es beim Arzt oder Therapeuten zur Terminvergabe und somit zur Dokumentation kommt, die den Abschluss einer BU verhindern würde.

Voraussetzung ist jedoch eine gute Zusammenarbeit zwischen der SHG und den Psychiatrischen Einrichtungen, um suizidale Personen rechtzeitig herausfischen und unverzüglich in eine entsprechende stationäre Betreuung bringen zu können. Es wurde darauf hingewiesen, dass die Mühe nicht vergebens ist, und das nicht nur aus versicherungstechnischer Sicht.

Grundsätzlich ist zu beachten, so führt sie aus, dass das Risiko, beim Abschluss einer BU durch die Gesundheitsprüfung zu fallen, umso geringer ist, je jünger der Anwärter ist. Das Ende des Studiums oder die Heirat sind gute Zeitpunkte für den Versicherungsbeginn. Die Absicherung erfolgt gemäß der Höhe des zu erwartenden Einkommens.

Wichtig ist, dass der Versicherte keine unwahren Angaben über vor dem Abschluss erlittene Krankheiten macht. Wenn diese dem Makler bekannt sind und es zum Abschluss einer Versicherung kommt, kann er in Haftung genommen werden. Nach der derzeitigen Rechtslage hat die Versicherung nach 5 Jahren kein Recht mehr, den Vertrag wegen unwahrer Angaben zu widerrufen. So besehen gibt es doch eine Chance, später Rente zu beziehen, nicht aber als Einladung zur arglistigen Täuschung.

Herr Jostes (EOS Klinik Münster) wirft ein, dass es wichtig ist, ärztliche Berichte so zu formulieren, dass eine Versicherung keine Handhabe zu schikanierenden Prüfungen hat. Etwa sollte bei einer damals nicht behandelten depressiven Episode im z.B. 16. Lebensjahr später nur von einer traurigen Verstimmtheit gesprochen werden.

Derzeit ist es so, dass man dringend empfehlen muss, bei der BU und der eventuellen privaten Krankenversicherung schon im Kindesalter Tatsachen zu schaffen.

Ein Produkt hat Frau Brockmann im Auge, das eine Anwartschaft ohne spätere Gesundheitsprüfung verspricht. Über den Aspekt, sich zuerst um eine spätere Absicherung zu kümmern, bevor es zum Psychologen, Arzt oder Therapeuten geht, sollten Lehrer und Erzieher informiert sein, damit sie Eltern betroffener Kinder darauf hinweisen können.

Denn aus kleinen Kindern mit Problemen werden oft große Leute mit wirtschaftlichen Existenzproblemen durch Gesundheitsrisiken.

Zu der ärgerlichen Tatsache, dass die vielen in der gesetzlichen Krankenkasse Versicherten Mitglieder der SHG die notwendigen Psychostimulanzien derzeit aus eigener Tasche zahlen müssen, sagt Frau Brockmann, dass die gesetzlichen Krankenkassen verpflichtet sind, nur zugelassene Mittel zu zahlen. Der Weg der Einzelfallprüfung, der bleibt, ist eine derartige bürokratische Hürde, dass man ihn nicht empfehlen kann. Eine private Krankenversicherung ist derzeit die bessere Alternative.

Die Aufnahmekriterien sind jedoch ähnlich schwierig, wie bei der BU beschrieben. Ein weiterer Grund spricht für die Privatversicherung, so Herr Dr. Beerwerth, denn die damit verbundene Möglichkeit der freien Arztwahl ist z.B. für die Heilung der häufigen Erschöpfungsdepression im Zusammenhang mit AD(H)S entscheidend.

Die allermeisten Institutionen sind nicht in der Lage, Patienten mit AD(H)S, wenn aus dem Ruder gelaufen, angemessen zu behandeln. Wenn doch, dann kommen zumeist nur einzelne Ärzte in der jeweiligen Klinik in Betracht. Dieses Problem besteht flächendeckend und ist dadurch bedingt, dass AD(H)S erst kürzlich in den Fokus der Aufmerksamkeit der Fachwelt gerückt ist.

Dies und das Versagen der herkömmlichen Konzepte waren der Anlass zur Gründung unserer AD(H)S-Arbeitsgruppe, um lokal daran zu arbeiten und Verbesserungen in der Versorgung von AD(H)S-lern zu ermöglichen.

 

Arbeitsgruppe Psychotherapie der AD(H)S Erwachsenenselbsthilfegruppe Münster in der EOS Klinik
Protokoll der vierten Sitzung am 23.05.05
Thema: Versicherungen
Protokoll: Dr. W. Beerwerth
Überarbeitung: Michael Klaus (Versicherungsfachmann)

Teilnehmer:
Ralf Jostes – Leitender Psychologe, Eos-Klinik
Mechthild A. – AD(H)S-SHG Münster, Arbeitsgebiet Coaching
Dr. Folkert K. – Studiendirektor i.R., Kardinal-von-Galen-Gymnasium, Initiative Schulprofil
Dr. Walter Beerwerth
Thomas Miebach – Psychologe, Eos-Klinik
Mechthild Theilmeier – Oberstudienrätin, Kardinal-von-Galen-Gymnasium
Nicole Kros – Psychologin, Eos-Klinik
Anneli Brockmann – Betriebswirtin im Versicherungswesen