DPCalendar Nächste Termine

Dez
4

04.12.2017 19:30 - 22:30

Jan
1

01.01.2018 19:30 - 22:30

Jan
8

08.01.2018 19:30 - 22:30

Feb
5

05.02.2018 19:30 - 22:30

Mär
5

05.03.2018 19:30 - 22:30

   

Was ist AD(H)S?


 

Hier in Münster existiert eine der wenigen AD(H)S-Erwachsenenselbsthilfegruppen. Aha! Es handelt sich also nicht um eine Kinderkrankheit oder ein reines Versagen der Schule.Was ist das überhaupt „AD(H)S“?
„A“ steht für Aufmerksamkeit, „D“ für Defizit (bei manchen das „H“ für Hyperaktivität) und "S" für Störung. Ein irreführender Name.

 

Steuerungsproblem

 
 

Tatsächlich handelt es sich um eine Steuerung der Gefühle, der körperlichen Aktivität und der Fähigkeit, Entschlüsse zu fassen nach dem „Alles-Oder- Nichts- Prinzip“. Da sind sich die in der AD(H)S-Forschung führenden Amerikaner und die Deutschen einig. Die Ursache dieser besonderen Art der Steuerung ist ein nicht ausreichend funktionierendes Element im Gehirn, das „Dopaminerge System“. Außer dem Leben im „Himmelhoch Jauchzen oder zu Tode betrübt“ hat das weitere Folgen.

Das vegetative Nervensystem ist labil mit erhöhter Krankheitsanfälligkeit. Ärgerlicher noch: Hunger, Durst, Müdigkeit und Gefühle aller Art werden sehr spät und schwach empfunden. Sinneseindrücke aller Art werden unsortiert aufgenommen. Ein Zeitgefühl existiert nicht. Zum Ausgleich der Defizite sind überdurchschnittlich viele AD(H)S-ler hochbegabt, häufig ohne diese Gabe angemessen einsetzen zu können. So weit die Theorie.

 

 

 

Häufigkeit

 

AD(H)S ist häufig. So stark, dass es Krankheitswert hat, ist es bei 4-5% der Bevölkerung. In schwächerer Ausprägung kommt noch einmal dieselbe Anzahl hinzu. Wenn man diese Personen mitnimmt, streuen die Statistiken zwischen 10% und 20% der Bevölkerung. AD(H)S wird vererbt. Immer findet man es auch bei mindestens einem der Blutsverwandten. Es ist also stets ein Sippenproblem.

 

 

 

Nutzen

 

Wenn es so häufig ist, sollte es doch für etwas gut sein. Tatsächlich! Aufmerksamkeit für das scheinbar Nebensächliche kann in Gefahrsituationen das Leben retten, nicht nur das eigene. Extreme Gefühle sind nichts Schlechtes. Wenn auch anstrengend, sind sie allemal besser als wohltemperierte Langeweile. Unbedingte Hilfsbereitschaft und tiefes Mitgefühl kommen aus dieser Art Gefühlsleben.

Mitreißende Begeisterung gehört auch dazu. Ein kräftiger Schuss Aggression ist in kriegerischen Zeiten durchaus gefragt. Starke Neugier, das unbedingte Bedürfnis zu hinterfragen und Kreativität sind weitere übliche Folgen des schwachen Dopaminergen Systems. Menschen mit AD(H)S können nicht anders, sie müssen so sein.

 

 

 

Bürokratieunverträglichkeit

 
 

Was wird denn allerseits gefordert, woran fehlt es denn in Deutschland? Buchhalternaturen und Bürokraten haben wir derzeit genug. Wenn das so ist, wie hier beschrieben, sollten wir Menschen mit AD(H)S unter Künstlern, Wissenschaftlern und Entdeckern finden. Auch im Hochadel, den Nachkommen der Elite, die in den Jahren 600 bis 1200 den Staat neu erfunden hat, müssen sie dann häufig sein. Wenn man sich mit modernen medizinischen Kenntnissen auf die Suche macht, findet man sie genau da, wo vermutet.

Einige Namen können als Beispiel dienen: Thomas Alva Edison, Albert Einstein, Bill Gates, Kaiserin Sissi, Wilhelm II, Winston Churchill, Hermann Hesse, Wolfgang Amadeus Mozart, Whoopi Goldberg… Alles psychisch Kranke? Wohl kaum. Alles schwierige Persönlichkeiten? Ja!

 

 

 

Gebraucht und gescheitert

 

Wir brauchen die Menschen mit AD(H)S dringend, so anstrengend sie auch sein mögen. Woran scheitern sie in einer Weise, dass man es eine Krankheit nennen kann? Ist es eine Krankheit des einzelnen oder unserer Gesellschaft? Und dann, was müssen wir tun?

 

 

 

Hyperaktive Jungen, stille Mädchen

 

Das AD(H)S äußert sich bei Erwachsenen und Kindern unterschiedlich. Von Person zu Person ist es auch so verschieden, dass ein hyperaktiver Bub, der Daniel, als Beispiel dienen soll. Die Mädchen sind öfter verträumt. Bei ihnen findet man oft rasende Tagträume bei körperlicher Ruhe. Als Erwachsene haben sie oft größer Probleme als die anstrengenden Jungen.

 

 

 

Daniel der Nervzwerg

 
 

Wie ist das bei Daniel? Seine Unrast hat ihn schon als Säugling aus der Bahn geworfen. Als Schreikind hat er seine Mutter in die Verzweifelung getrieben. Ebenso viele Menschen mit AD(H)S haben kaum Bewegungsdrang und sind auffallend still und verträumt (Alles oder Nichts Steuerung der Körperlichen Aktivität). Beide haben Probleme, der eine weil er aneckt, der andere, weil er vieles nicht lernt. Kinder lernen in der Bewegung. Beide benötigen eine anregende und bewegungsfördernde Umgebung.

Schauen wir uns um: Größe einer Etagenwohnung? Möglichkeiten auf der Straße oder in der Natur zu spielen? Sobald er laufen konnte, hat Daniel zunächst die Wohnung bis zur Renovierungsbedürftigkeit umgestaltet. Später wurden Erzieherinnen und Lehrerin an ihre Grenzen gebracht und die Familie bis zum Zerreißen belastet.

 

 

 

Gruppenunverträglichkeit

 
 

Menschen mit AD(H)S sind in Gruppen, wenn größer als 8 Personen, überfordert. So ist das auch bei Daniel. Der normale Kindergarten war für ihn eine Qual. In Kleingruppen, etwa beim Ergotherapeuten, oder in Daniels besonderer Schule geht es besser. In Klassen und Kindergartengruppen haben wir 20 bis 30 altersgleiche Kinder, was den Überblick unmöglich macht.

Viele AD(H)S-Kinder wissen nach einem Jahr nicht einmal die Namen ihrer Kameraden, geschweige denn, wer das Sagen hat. Dann haben sie auch noch eine leicht verzögerte körperliche und soziale Entwicklung und verlieren daher fast jede Schlägerei. Daniel läuft mittlerweile in der Spur, die geeignete Umgebung war der Schlüssel dafür. Konsequente aber liebevolle Behandlung und kleine Gruppen waren das Rezept.

 

 

 

Unglückliche Kinder werden zu unglücklichen Erwachsenen

 
 

Wenige Kinder mit AD(H)S bekommen eine geeignete soziale Umgebung in der Schule oder im Kindergarten. Die Folgen sind Ausgrenzung, Mobbing und fehlendes soziales Lernen. Das legt den Grundstein für massive Probleme im Erwachsenenalter.

Das kann im Einzelfall zu Dauerschäden führen, die wir sonst von Missbrauchs-Opfern kennen. Auch andere Gruppen werden durch die nicht „artgerechte Haltung“ unserer Kinder benachteiligt, etwa solche aus Migrantenfamilien. Im Zoo würde man so etwas nie machen. Herr Adler zum Beispiel, der Münsteraner Zoodirektor, achtet peinlich darauf, dass die Gruppengrößen und Zusammensetzungen in den Gehegen zu den Tieren passen. Angelegt ist der Mensch auf altersgemischte Gruppen, ideal 6 - 12 Leute stark.

 

 

 

Kind mit AD(H)S, Eltern mit AD(H)S – wer hilft denen?

 

Kinder mit AD(H)S sind ungemein anstrengend. Sie können eine Familie bis über die Grenze der Belastbarkeit beanspruchen. Erschwerend ist, das meistens eines, oft beide Elternteile, sensible Naturen, weil selbst mit AD(H)S sind. So schaukeln sich Probleme hoch. Wo früher ein soziales Netz aus Verwandten, Nachbarn und älteren Geschwistern helfen konnten, haben wir zu Gunsten der grenzenlosen Flexibilität die Maschen dieses Netzes zerrissen, ohne ein neues zu knüpfen.

 

 

 

Wirtschaftliche Nachteile

 
 

Eine der Folgen ist eine massive wirtschaftliche Benachteiligung dieser Familien Berufstätigkeit beider Elternteile ist unmöglich. Eine Ausgrenzung kommt oft dazu: „Was sind das für Eltern, die ein so schlecht erzogenes Kind haben!“ Ehescheidungen, allein erziehende Elternteile oder Freigabe der Kinder zur Adoption sind überdurchschnittlich häufig. Das müsste nicht so sein. Speziell, wenn man um das AD(H)S der Eltern weiß, sind eine Vielzahl von Hilfsangeboten aussichtsreich. Auch die Selbsthilfegruppen kommen da ins Spiel.

 

 

 

Müde

 
 
 

Schon im Kindesalter, und bei Erwachsenen zunehmend, ist eine starke Erschöpfbarkeit festzustellen. Ein Leben mit derart heftigen Emotionen ist mehr als anstrengend. In den „Leistungsfenstern“ kann dann aber hochkonzentriert, kreativ und rasend schnell gearbeitet werden. So gut, dass andere Mitarbeiter es mit der Angst zu tun bekommen. Die daraus folgende Arbeitsweise wurde früher respektiert.

Zumindest gab es eine geringere Arbeitsdichte. Die Arbeit war auf mehr Stunden gestreckt, so dass der Arbeiter, Angestellte oder Schüler seinen Rhythmus finden konnte. Heute wird von der Wirtschaft die hohe phasenweise Leistungsbereitschaft genutzt, ohne Erholungspausen zu lassen.

 

 

 

Krisenzeiten und Krankheiten

 
 
 

Ein Zusammenbruch körperlich oder seelisch in der zweiten Grundschulklasse, dann noch einmal in der Pubertät und schließlich um das 40. Lebensjahr ist eine Folge, die wir in unserer Selbsthilfegruppe häufig sehen. Meistens sind es gerade die kreativen und deshalb unbequemen Köpfe eines Unternehmens, die dann gehen.

Die derzeitige deutsche Misere erklärt sich auch daraus, solche Mitarbeiter herauszukegeln. Stumpfsinnige Arbeit auf gleichmäßigem Niveau kann jeder Computer besser. In Korea und China machen das auch Menschen deutlich billiger als wir. So hat das Unternehmen langfristig seinen Schaden. Ganz bestimmt hat die Familie, ohnehin mehrfach mit AD(H)S geschlagen, ein weiteres wirtschaftliches und gesundheitliches Problem. Forschungen zum Herzinfarkt zeigen, dass er bevorzugt Menschen mit einer Konstitution wie bei AD(H)S trifft (Typ A Persönlichkeit wird es da genannt).

 

 

 

Verkannte Elite

 
 

Der derzeitige Umgang mit dem „Humankapital“ ist nicht geschickt. Ein Einstein hätte heute Mühe, auch nur die Schule zu überstehen, vom Hochdienen im Betrieb ganz zu schweigen. Die deutschen Massen-Universitäten ohne Tutoren oder gezielte Förderung versagen an dieser Stelle ebenfalls.

Unternehmensneugründungen nach dem Krieg sind oft von Menschen mit einem Seelenleben gemacht worden, bei denen man den „Geruch von AD(H)S“ spürt. In unserer durch und durch bürokratisierten Gesellschaft hätten diese Väter des Wirtschaftswunders keine Chance.

 

 

 

Notgedrungen Medikation

 

Der Ausweg, der unter den aktuellen Verhältnissen als der einzig mögliche erscheint, ist die Menschen mit AD(H)S zu verändern, um Ihnen einiges an Leid zu ersparen. Die Diagnose steht am Anfang. Bei Kindern versucht man mit Medikamenten das Dopaminerge System gezielt auf Trab zu bringen. In den meisten Fällen ist das segensreich. Wie mit dem Insulin bei Zuckerkranken wird von außen zugefügt, was dem Körper fehlt.

 

 

 

Besser wäre

 

Die Maßnahmen, die besser wären sind: Geeigneter Kindergarten oder passende Schule, sowie umfangreiche Entlastung in Haushalt und Erziehung. Diesen Luxus kann sich kaum einer leisten. Aufklärungsarbeit unter Erziehern und Lehrern kann aber einiges bewirken. In jeder Klasse sitzen durchschnittlich 3 Kinder mit AD(H)S.

 

 

 

Hilflose Fachleute bei Erwachsenen

 
 

Bei Erwachsenen fallen meistens erst die Spätfolgen mit körperlichen und seelischen Erkrankungen auf. Mit der Diagnose AD(H)S wird in Zukunft eine gezielte medizinische Hilfe möglich sein. Derzeit steckt das aber noch in den Kinderschuhen.

Nach den Erfahrungen in unserer Selbsthilfegruppe wird das langsam etwas besser. Noch ist es häufig so, dass Mediziner und Therapeuten langfristig mehr schaden als nutzen. Eine Medikation des überschießenden Gefühlslebens löst nur einen Teil der Probleme. Im Laufe des Lebens ist zu viel aufgelaufenen. Hier gibt es noch reichlich Pionierarbeit zu tun.

 

 

 

AD(H)S ist ein Familienproblem

Am segensreichsten ist bisher eine Betrachtung der Familienstruktur, um gezielt, bezogen auf das AD(H)S, zumeist mehrerer Mitglieder mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Nach und nach kümmern sich Psychotherapeuten und Selbsthilfegruppen um diesen Bereich. AD(H)S ist immer Sache der gesamten Familie!

 

 

Dr. Walter Beerwerth